Wo alles sein darf und alles möglich ist

Damit hätten die Inititatoren nie gerechnet: Die Vesperkirche Ravensburg, am 20. Januar erstmals geöffnet, war von Anfang an voll besetzt. Viel mehr als 10.000 Gäste kamen zur Vesperkirche. Beobachtungen.
■ Graue Weste, graue Handstulpen und ein schwarzer Schleier. Schwester Ina-Maria trägt einen Teller dampfenden Rindergulasch in der rechten Hand, tritt an den Tisch und fragt, ob sie sich setzen darf. Schnell fügt sie grinsend hinzu: „Keine Angst, ich bin zwar Ordensschwester, aber sonst auch nur ein Mensch.“ Die Besucherin der Vesperkirche erntet Gelächter, das Eis schmilzt. Jörg sitzt schon seit 20 Minuten am Tisch. Sein dunkelbraunes Haar ist mittelgescheitelt und fällt in langen Strähnen den Rücken hinunter. Aufmerksam sieht er die Ordensfrau an: „Sind Sie Franziskanerin?“ „Ja.“

Neues Jahr, neue Kirche. Die Evangelische Stadtkirche in Ravensburg verwandelte sich im Januar 2009 erstmals zur Vesperkirche. Damit ist sie eine von 17 Vesperkirchen in Baden-Württemberg. Drei Wochen lang soll hier der Hunger nach Essbarem und nach Begegnung gestillt werden. Wie sie wohl ankommt? Eine Frage, die die Initiatoren – das Diakonische Werk des Evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg und die Zieglerschen – sehr bewegt hatte.

Bewegt hatte diese Frage auch die mehr als 240 ehrenamtlichen Helfer, die schon in den ersten fünf Tagen 630 Stunden in der Vesperkirche gearbeitet haben. Und sie bewegte die Profis aus den Zieglerschen, die für Essensproduktion, Logistik und Einsatzplanung der Ehrenamtlichen zuständig sind. Um es vorwegzunehmen: die Organisation hielt vom ersten bis zum letzten Tag mit dem Ansturm Schritt. Und alle wurden satt.

Peter fährt für die Dauer der dreiwöchigen Vesperkirche täglich mit einem Kollegen von der Stadtmitte aus zur Küche des Hör-Sprachzentrums in der Weststadt und holt dort das fertig gekochte Essen ab. Während der Fahrt im weißen Transporter meint er: „Sie müssen sich mal vorstellen, was die in der Küche im Hör-Sprachzentrum leisten. Normal geben die 350 Essen am Tag aus. Am ersten Tag haben wir zusätzlich mit 200 Essen für die Vesperkirche angefangen. Und heute sind es sogar 400 Essen für die Kirche.“ Heute ist Samstag. Und der fünfte Vesperkirchentag.

In der Kirche wächst mittlerweile die Schlange vor der Essensausgabe bis in den Empfangsbereich. Sichtbar bedürftige Menschen, Krawattenträger, Hundebesitzer, alte Menschen, Babys, Neugierige, Hungrige, Einsame und Einzelkämpfer. Keiner ist ausgeschlossen. Die Botschaft der Ravensburger Vesperkirche „Für alle Menschen offen“ ist angekommen. Eifrige Hände schöpfen hinterm Tresen Nudeln auf die vorgewärmten Teller und reichen diese an den Nachbarn weiter, der bereits mit der gefüllten Kelle Gulasch wartet. Stehen Fleischgerichte auf dem Speiseplan, wandern pro Tag 50 – 60 Kilo Fleisch über die Theke. Im Hintergrund sitzen sechs Frauen und streichen Brote für die Vespertüten, die im Vollmenüpreis von 1,50 Euro enthalten sind.

„Super Essen und super Service, hier wird sogar der Tisch abgeräumt“, sagt einer von sechs Schülern des Schülerrates Ravensburg, die gemeinsam am Tisch sitzen. „Wir haben heute noch große Schülerratssitzung wollten vorher hier zusammen essen. Es ist toll, dass sich hier so viele verschiedene Menschen treffen können.“ Sein Nebensitzer fügt hinzu: „Ich finde so ein Projekt in der Kirche gut, sonst bin ich nur Weihnachten und Ostern in der Kirche.“

Hermann läuft mit einem 500g-Vanille-Joghurt-Becher am Tisch von Jörg und Ina-Maria vorbei. „Willst Du Dir auch einen Rindergulasch für heute Abend mitnehmen?“ fragt er einen Besucher und schwenkt den Joghurt-Becher in seiner Hand. Die haben mir extra einen da reingefüllt, der ist übrig.“ Da, wo Hermann vorher seinen Rindergulasch abgeholt hat, stand am Eröffnungsabend ein Crailsheimer Ehepaar. Die bekennenden „Vesperkirchen-Fans“ erzählten, weshalb Vesperkirchen eine so große Faszination auf sie ausübe: „Gelebtes Evangelium pur“, sagte die Frau.

„Contra zum Gejammer“, sagt Annette Merk, Bereichsleiterin Verpflegung und Versorgung der Zieglerschen Service GmbH, die sich sowohl haupt- als auch ehrenamtlich in der Vesperkirche einbringt. Für sie setzt die Vesperkirche gerade in schwierigen Zeiten etwas Positives in Gang. Etwas tun statt rumjammern. Und außerdem: „Dieses Projekt ist etwas Gutes und das stellt keiner in Frage.“

Jörg ist mittlerweile gegangen. Dafür hat sich Hermann neben Schwester Ina gesetzt. „Ich denke, ich habe einen ganz guten Draht zu dem Alten da oben“, sagt er zu ihr. Sie: „Auf alle Fälle hat der da oben einen ganz guten Draht zu dir.“ Hermann fährt sich mit der Hand über das Kinn. „Wie findest du eigentlich meinen Bart? Ich lasse ihn am liebsten zehn Tage wachsen.“ Die Schwester meint, dass er mindestens so schön sei wie ihrer. Hermann lacht und fasst mit der Hand an ihr Kinn: „Na, dann lass uns mal zupfen.“ Ina- Maria lacht auch: „Wenn schon Bart, dann mit Vergnügen.“

Von Katharina Stohr