Abschied von einem »Überzeugungstäter«

Hans-Peter Züfle, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, tritt aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand / Gedanken von Wegbegleiter Walter Hofmann, Vorsitzender des Aufsichtsrates
■ Hans-Peter Züfle, der Vorstandsvorsitzende der Zieglerschen Anstalten, verabschiedet sich. Nach 16 Jahren an der Spitze muss er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt vorzeitig aufgeben. Voraussichtlich zum Jahresende wird Herr Züfle in den Ruhestand treten. Abschied ist immer „ein scharfes Schwert“, er ist besonders schmerzlich, wenn er aus gesundheitlichen Gründen zu früh notwendig wird. Deshalb gehen die Gedanken von Hans-Peter Züfle sicher immer wieder in seine Zeit bei den Zieglerschen Anstalten zurück, aber auch meine Gedanken und sicher die vieler Menschen in unserem Werk der Diakonie.

Hans-Peter Züfle war gerade 26 Jahre alt, als er Bürgermeister in Wolfach wurde. Er war ein erfolgreicher und ein beliebter Bürgermeister, er war in der zweiten Wahlperiode. Dann stieg er mit 40 Jahren als Bürgermeister in Wolfach aus und stieg 1992 voll ein in die Diakonie, bei den Zieglerschen Anstalten in Wilhelmsdorf. Es war ein sehr überzeugter Wechsel vom Schwarzwald nach Oberschwaben, er formulierte ihn unter anderem so: „Ich will als Christ Kenntnisse und Erfahrungen aus einer bisher erfolgreichen Karriere mit umfassender Verantwortung in den Dienst der Diakonie einbringen für Menschen, die Hilfe brauchen.“ Als „Überzeugungstäter“ hat er sich immer wieder selbst, aber auch die Menschen die mit ihm auf dem Weg waren, bezeichnet. „Wir sind Überzeugungstäter in der Diakonie“ hat er immer wieder gesagt, wenn es darum ging, Menschen zu erklären, warum sich die Zieglerschen einer neuen Aufgabe stellen.

Nach 16 Jahren muss dieser „Überzeugungstäter“ sein Amt aufgeben. Die Gedanken machen sich auf den Weg durch diese 16 Jahre. Sie waren ganz entscheidend von seinen Visionen geprägt, aber eben nicht nur von seinen Visionen. Sondern auch davon, dass er sie systematisch und planvoll umgesetzt hat. Und davon, dass er überzeugen konnte und Mitstreiter gewinnen konnte wie nur wenige.

Hans-Peter Züfle begann in Wilhelmsdorf im Haus Salem zunächst als „Hauptgeschäftsführer“. Noch waren Aufsicht und Leitungsverantwortung nicht getrennt. Er machte sich daran, eine Struktur für einen hauptamtlichen Vorstand und einen ehrenamtlichen Aufsichtsrat umzusetzen. Der Aufsichtsrat wurde konstituiert, Hans-Peter Züfle wurde zum Vorstandsvorsitzenden berufen, der damalige kaufmännische Verantwortliche Johannes Rothermundt zum Kaufmännischen Vorstand. Und nun begann das Wachstum der Zieglerschen Anstalten, zunächst mit einer inneren Veränderung. Es ging um das Zusammenwachsen, es ging darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was die „Ziegler-Familie“, die in den unterschiedlichsten Aufgabenfeldern und Häusern für sich erfolgreich arbeitet, im Inneren zusammenhält. Viele hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter formulierten diese neue Identität im ersten gemeinsamen Leitbildprozess – und sie lebten diese Identität und leben sie auch heute. Erst auf der Grundlage dieses inneren gemeinsamen Wachstums konnten Zukunftsentwicklungen und Wachstum forciert werden. Aber auch Rückschläge gab es, die traditionsreichen Internate mussten aufgegeben werden.

Nach der Trennung von Aufsicht und Leitung kam dann die neue Unternehmensverfassung, ebenfalls vorgedacht und umgesetzt von Hans-Peter Züfle. Die Zieglerschen bildeten unter ihrem Dach rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften – „ganz Unternehmen und ganz Diakonie“, wie Hans-Peter Züfle zu sagen pflegt. Diese Struktur ermöglichte die weitere Entfaltung einer großen Dynamik. Nicht nur, dass zwei ganz neue Aufgabenfelder dazu kamen: die Zieglerschen übernahmen im Jahr 2000 die damals notleidende Jugendhilfeeinrichtung Martinshaus Kleintobel, deren bewundernswerte Entwicklung in diesem Heft das Titelthema ist. Und sie stiegen in die Altenhilfe ein. Hinzu kam auch in den anderen Hilfearten eine umfassende Weiterentwicklung. Die Suchtkrankenhilfe, jahrzehntelang in den traditionsreichen Kliniken Ringgenhof und Höchsten aktiv, baute in Ulm, Reutlingen und Friedrichshafen Tagesrehabilitationen auf und übernahm die Fachklinik Hohenrodt für osteuropäische Migranten. Die Gotthilf-Vöhringer-Schule fügte ihren traditionsreichen Ausbildungsgängen die Logopädie, die Ergotherapie, die Physiotherapie und die Altenpflege hinzu, mit Standorten auch außerhalb von Wilhelmsdorf. Die Behindertenhilfe eröffnete neue Wohnformen und Standorte. Im Hör-Sprachzentrum wurde die Angebotspalette erheblich verbreitert, die Zahl der Schulstandorte in den Nachbarstädten und Nachbarkreisen stieg beständig. Durch die Fusion 2003 mit dem Verein für evangelische Altenheime (VEA) in Kirchheim wurde die Altenhilfe zur größten Tochtergesellschaft der Zieglerschen. Bei all diesen Entwicklungen dürfen wir Herrn Züfle als maßgeblichen Ideengeber und erfolgreichen Realisierer bezeichnen. Weniger als 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen bei seinem Amtsantritt in den Diensten der Zieglerschen Anstalten. Heute sind es mehr als 2.700, die knapp 5.000 Menschen in den verschiedenen, sehr diversifizierten Hilfearten begleiten. Ohne den Vordenker und Gestalter Hans-Peter Züfle ist diese dynamische Entwicklung schlechterdings nicht vorstellbar.

Doch auch die innere Entwicklung ging weiter. Hans-Peter Züfle suchte stets nach Antworten auf die Fragen, wie wir unseren diakonischen Auftrag heute buchstabieren, wie wir missionarische Diakonie heute, unter den Bedingungen des sich schnell wandelnden Sozialstaats, leben können. Als tief gläubiger Christ, der selbst aus der Kraft des Glaubens lebt, stand und steht für ihn Jesus Christus als Auftraggeber der Diakonie fest. Und deshalb ging es ihm nicht nur darum, die Zieglerschen als modernes Unternehmen weiterzuentwickeln, sondern immer auch nach den Wurzeln zu fragen, nach dem Woher, aber auch nach dem Wohin.

Mit diesen grundsätzlichen Weg-Gedanken möchte ich als verantwortlicher Wegbegleiter Hans-Peter Züfle von Herzen danken. Schon dieser Zeitraffer deutet die Dynamik, ja Dramatik und gleichzeitig den Erfolg seiner Zeit bei den Zieglerschen Anstalten an. Natürlich haben Aufsichtsrat, Vorstandskollegen, Geschäftsführungen und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Jahren mit ihm an einem Strang gezogen. Trotzdem: dahinter steckt seine besondere visionäre Kreativität, aber genau so seine harte Arbeit, verbunden mit seiner Liebe zu den Menschen, die ihm anvertraut waren.

Hinter Herrn Züfle liegt eine Wegstrecke, die ihm sicher oft erst im Gehen vertraut wurde und Sicherheit gab. Sein zukünftiger Weg wird ihm wahrscheinlich auch immer wieder im mutigen Gehen vertraut werden und Sicherheit geben können. Dazu wünsche ich im Namen der Zieglerschen Anstalten ihm und seiner Frau Gottes Fürsorge und Geleit.