„Seien sie selbstbewusst und offensiv“ - Jugendhilfe braucht eine starke Lobby

Prof. Dr. Stefan Sell, renommierter Jugenhilfeexperte, beim Jubiläums-Fachtag am Martinshaus Kleintobel
■ Das Martinshaus Kleintobel, Jugendhilfeeinrichtung der Zieglerschen Anstalten, hatte aus Anlass seines 50-jährigen Jubiläums gerufen – und knapp 100 Gäste waren gekommen. Jugendhilfeexperten von öffentlicher Hand und freien Trägern, politisch Verantwortliche, diakonische Vertreter und, und, und.

Unbestrittener Höhepunkt des Fachtages am 17. Juli: der Vortrag von Prof. Dr. Stefan Sell, Vizepräsident der FH Koblenz und renommierterter Jugendhilfeexperte. Sell, Mitglied mehrerer Bundes-Expertenkommissionen, rief die klassische Jugendhilfe zu einem „selbstbewussten Auftreten“ auf. Sie solle „offensiv auf ihre vorzeigbaren Ergebnisse hinweisen“ und „angemessene Kostensätze einfordern“. Anhand von Untersuchungen wies Sell nach, dass die klassische Jugendhilfe im Heim sehr wohl gute Ergebnisse vorweisen könne. Er stellte den aktuellen Trend des „ambulant vor stationär“ mehrfach in Frage und bezweifelte, dass kostengünstige, ambulante Maßnahmen mit wechselnden Bezugspersonen grundsätzlich besser seien: „Je mehr Hilfeformen hintereinander, desto schlechter ist die Prognose“. Und: „Eine fortwährende Kostensenkung wird zu massiven Qualitätseinbrüchen beitragen“.

Jugendhilfe, so Sell, müsse heute vor allem auch darauf hinwirken, dass die stationäre Unterbringung von Kindern und Jugendlichen nicht nur immer der letzte Schritt sein dürfe. Oft müsse man sie „schneller und definitiver aus dem familiären Setting herausholen“. Deshalb könne die Rückführung in die Herkunftsfamilie nicht die einzige Leitschnur jugendhilflichen Handelns sein. Es sei kurzsichtig, ein Kind oder einen Jugendlichen für einige Zeit aus der Situation herauszuholen, die die Probleme verursacht habe, ihm Förderung zukommen zu lassen und es dann in die Ausgangssituation zurückzubringen, an der sich gar nichts geändert habe.

Auch Dr. Ulrich Bürger vom Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) forderte bei der Jubiläumsveranstaltung dazu: „Jugendhilfe braucht eine starke Lobby“. Oberkirchenrat Werner Baur, bei der Kirchenleitung zuständig für Jugend und Schule, rief dazu auf, diakonische Jugendhilfeeinrichtungen nicht nur als „Reparaturbetriebe“ sondern als „Talentschuppen“ zu sehen. Und Konrad Gutemann, Leiter des Kreisjugendamtes, stellte das nach seiner Auffassung erfolgreiche „Ravensburger Modell“ vor, mit dem bei gleichem Budget wesentlich mehr jungen Menschen geholfen werden könne. Gutemann sprach sich klar für Trägervielfalt aus.

Hans-Peter Züfle, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, hob in seinem Jubiläumsbeitrag vor allem die Mitarbeitenden heraus. Ihr Dienst würde „immer schwieriger“, denn die Kinder und Jugendlichen würden immer schwieriger, und die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer belastender. Dennoch habe Jugendhilfe „absolut Zukunft in der Diakonie“, ihr Gütesiegel könne nicht nur „besonders niedrige Fallkosten“ sein. Züfle weiter: „Diakonische Jugendhilfe ist Beziehungsarbeit. Die Strukturen müssen aber auch so sein, dass diese Beziehungsarbeit geleistet werden kann.“

Von Christof Schrade