Kurz und sinnlos? Zivildienst schwarz-gelb

Die neue Bundesregierung hat die Verkürzung des Zivildienstes von neun auf künftig sechs Monate zu ihrem Ziel erklärt. Welche Folgen hat das für Zieglerschen? Christof Schrade hat nachgefragt.
■ Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat, um die sogenannte »Wehrgerechtigkeit« und damit die Vergleichbarkeit des Wehrdienstes an der Waffe mit dem Zivildienst herzustellen, die Verkürzung des Zivildienstes ab 1. Januar 2011 von derzeit neun Monaten auf künftig sechs Monate zu ihrem Ziel erklärt. Noch in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durften junge Männer, von denen viele ihr Grundrecht auf Verweigerung des Wehrdienstes vor einem ordentlichen Gericht einklagen mussten, knapp zwei Jahre Zivildienst leisten. Die Situation heute ist völlig anders. Sehr viele junge Männer werden gar nicht mehr einberufen – egal, ob sie Wehrdienst oder Zivildienst machen wollten. Doch noch immer gilt der Zivildienst als Säule der sozialen Arbeit in der Gesellschaft. Wie lange noch? Mit über 12.000 Zivildienstleistenden im Einsatz sind die diakonischen Einrichtungen und Verbände der größte Träger von Zivildienst in Deutschland. visAvie befragte Verantwortliche aus den Zieglerschen.

Wo können die Kurzzeit-Zivis künftig eingesetzt werden?

Christian Glage, Geschäftsführer der Jugendhilfe: »Der Zivildienst wird bei nochmaliger Verkürzung von neun auf sechs Monate noch unattraktiver – für uns und für die jungen Männer. Abzüglich Urlaub und Lehrgängen sind die jungen Männer dann voraussichtlich noch vier Monate wirklich einsetzbar. Dadurch erhöht sich der Verwaltungsaufwand nochmals, weil wir einen höheren Durchsatz haben. Wir werden aber weiterhin die Möglichkeit bieten, bei uns Zivildienst zu machen. Wir wollen diese Erfahrung keinem jungen Mann verweigern. Sinn macht es noch da, wo wir die jungen Männer zum Beispiel bei Hausmeisterdiensten einsetzen können. Aber in der direkten Betreuung von Menschen? Es ist schwer vorstellbar, dass sich eine Wohngruppe in immer schnellerem Abstand auf immer neue Zivis einstellt.«

Was ist von der ursprünglichen Intention des Zivildienstes übrig geblieben?

Eva-Maria Armbruster, Geschäftsführerin der Altenhilfe: »Es ist natürlich auch die Frage, ob der ursprüngliche Zweck des Zivildienstes, einen spürbaren Dienst an der Gesellschaft zu leisten, nicht völlig aus dem Blick gerät, wenn die jungen Männer nur noch ein paar Monate da sind. Es ist deshalb nicht so entscheidend, ob wir als Träger noch etwas haben vom Einsatz der Zivildienstleistenden. Entscheidend ist, ob die jungen Männer selbst etwas davon haben und ob die Gesellschaft insgesamt etwas davon hat. Ein Beispiel aus der Altenhilfe: Dort konfrontieren wir die jungen Männer mit Demenz, mit Leid, mit Sterben. Wir führen sie behutsam an diese Erfahrungen heran, aber das braucht Zeit und eine gute Anleitung. Die können wir nicht verkürzen, bloß weil sich die Dienstzeit verkürzt. Und dann möchten sich die jungen Männer doch selbst als wirksam erleben, wollen wirklich einen Dienst leisten. Wenn sie nur noch sechs Monate da sind, hospitieren sie noch ein bisschen. Dabei sind die jungen Männer bei den Bewohnern unserer Einrichtungen sehr beliebt.«

Wie reagieren die Zieglerschen auf die angekündigte Verkürzung des Zivildienstes?

Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender: »Das Modell, das wir seit vielen Jahren mit Erfolg propagieren, ist das Freiwillige Soziale Jahr. Das kann schon seit Längerem statt des Zivildienstes gemacht werden. Wir haben doppelt so viele junge Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr wie im Zivildienst, nämlich mehr als 90. Die jungen Leute kommen aus der ganzen Welt und aus freien Stücken zu uns. Sie sammeln viel Sozialkompetenz in ihrem einen Jahr. Das ist sehr wertvoll für die weitere Ausbildung oder für ein Studium. Die Zeit im FSJ prägt Einstellungen oft für ein ganzes Leben – nämlich die positiven Einstellungen gegenüber den Schwachen und Hilfsbedürftigen in der Gesellschaft. Wir freuen uns über die jungen Freiwilligen, die zu uns kommen, ob sie nun Zivildienst machen möchten oder ein Freiwilliges Soziales Jahr. Wir tun sehr viel dafür, dass wir die Einsatzbedingungen so attraktiv wie möglich gestalten. Unser Appell an die Politik ist aber ganz klar: ein klares Bekenntnis zum Freiwilligen Sozialen Jahr – und zwar vor allem im Interesse der jungen Leute, die ja motiviert sind, die sich ja für die gute Sache einsetzen wollen. Im Freiwilligen Sozialen Jahr können sich die jungen Leute noch so erleben, dass sie einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft leisten.«

Sind die Menschen mit Behinderung die Leidtragenden einer weiteren Verkürzung des Zivildienstes?

Sven Lange, Geschäftsführer der Behindertenhilfe: »Bei uns haben Zivis noch nie Fachkräfte ersetzt. Deshalb lässt uns die erneute Verkürzung des Zivildienstes nicht stolpern. Wir haben auch in der Vergangenheit sowieso keine Regeldienste oder Pflichtleistungen auf dem Einsatz von Zivis aufgebaut. Der Zivildienst war schon immer von der Wehrgesetzgebung abhängig. Die Einsatzzeiten haben sich auch in der Vergangenheit immer wieder geändert.«