»Fachkräfte dürfen keine Pflegeroboter werden«

Interview mit Sven Lange, seit 1. Januar 2015 neuer Geschäftsführer in der Altenhilfe der Zieglerschen, zur Bewertung des neuen Pflegestärkungsgesetzes und seinen weiteren Erwartungen an die Politik.
Herr Lange, Sie sind seit 1. Januar 2015 Geschäftsführer in der Altenhilfe der Zieglerschen …
Ja, eine wirklich spannende Herausforderung, auf die ich mich sehr freue. Hier gibt es in den kommenden Jahren einiges zu entwickeln.

Zeitgleich ist ein neues Gesetz in Kraft getreten – das erste »Pflegestärkungsgesetz«. Wird es seinem Namen gerecht?
Es ist ein zumindest Schritt in die richtige Richtung. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen können sich freuen, denn sie bekommen mehr Geld. Es gibt vier Prozent mehr – für Pflegegeld, ambulante, stationäre oder Kurzzeitpflege. Unseren Einrichtungen, zumindest in der klassischen stationären Pflege, kommt das allerdings nicht zugute.

Das müssen Sie erklären.
Nehmen wir an, Ihre Mutter ist pflegebedürftig, Stufe III, und lebt im Seniorenheim. Pro Monat zahlen Sie für den Platz 3.000 Euro. Davon hat die Kasse bisher 1.550 Euro übernommen und Sie den Rest. Seit Januar zahlt die Kasse vier Prozent mehr, also 1.612 Euro. Bleibt für Sie ein Rest von 1.388 Euro. Das entlastet Ihr Budget um 62 Euro im Monat – das Seniorenheim aber erhält weiter nur 3.000 Euro.

Die Einrichtungen haben also gar nichts von dem Gesetz?
Doch, in vielen Bereichen schon. Zum Beispiel zahlen die Kassen für Kurzzeit-, Tages- oder Verhinderungspflege einen höheren Anteil. Das kann durchaus zu einer stärkeren Nachfrage führen. In der stationären Pflege aber müssen wir weiter verhandeln. Hier muss jetzt eine Anpassung der Rahmenvereinbarungen auf Landesebene folgen. Da geht es um Kostensätze, aber auch um angemessene Personalschlüssel.

Stichwort Personal. Das Pflegestärkungsgesetz enthält auch Neuregelungen zu den Betreuungskräften. Sind sie hilfreich?
Auf jeden Fall. In unseren Pflegeheimen gibt es immer mehr Menschen mit Demenz oder zusätzlichen psychischen Erkrankungen. Ihre Betreuung kostet mehr Zeit, als uns zur Verfügung steht. Durch die Betreuungskräfte, die sich aktiv mit den Bewohnern beschäftigen, haben wir größeren Spielraum. Laut Gesetz dürfen wir jetzt mehr Betreuungskräfte einstellen, die Zahl soll von 20.000 auf 45.000 steigen.

Das klingt nach großer Entlastung…
Ja, allerdings müssen wir aufpassen, dass unsere Pflege-Fachkräfte nicht zum »Pflegeroboter « werden, während die Betreuungskräfte »das Emotionale« übernehmen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass in der Pflege Personalmangel herrscht. 25.000 neue Mitarbeitende – eine echte Herausforderung…

Für 2017 ist bereits die 2. Stufe des Gesetzes angekündigt, mit einem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Was erwarten Sie davon?
In dieser zweiten Stufe ist richtig Musik! Zum Beispiel sollen aus den bisher drei Pflegestufen künftig fünf Pflegegrade werden. Das ist gut gedacht und soll die Individualität pflegebedürftiger Menschen stärken. Ich hoffe nur, es wird auch gut gemacht – und führt nicht nur zu mehr Bürokratie.

Apropos Entbürokratisierung. Ein großes Thema.
Hier muss endlich etwas geschehen! Es darf nicht mehr passieren, dass ein Großteil der zur Verfügung stehenden Fachkraftzeit für die Dokumentation und die Rechtfertigung vor den Heimaufsichten draufgeht. Denn am meisten leidet doch darunter der pflegebedürftige Mensch.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Die Interviewerin war Nicola Philipp.