»Ich schätze starke, selbstbewusste Mitarbeitende«

Prof. Dr. Harald Rau - seit dem 1. April neuer Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen - im Gespräch über seine Visionen und Ziele, seine Vorhaben, seine Ängste und das Orgelspielen. Ein Interview.
■ Herr Prof. Rau, Sie sind studierter, promovierter und sogar habilitierter psychologischer Psychotherapeut. Wie kommen Sie darauf, an das Ruder des Riesenschiffes »Zieglersche« zu treten?

Schon seit meiner Jugend interessieren mich Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Das hat mich in der frühen Jugendzeit zur Jugendarbeit gebracht, die ich mit Freunden sehr aktiv betrieben habe, später zur Behindertenarbeit bei der damaligen Anstalt Stetten im Remstal (jetzt: Diakonie Stetten), und schließlich zum Psychologie-Studium und der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Mich haben immer sowohl die »Basisarbeit« als auch die Organisation, konzeptionelle Weiterentwicklung und öffentliche Darstellung solcher »Menschenarbeit« oder diakonischer Arbeit interessiert. Als früherer leitender Mitarbeiter in den von Bodelschwingh’schen Anstalten – die mit über 15.000 Mitarbeitenden noch ein wenig größer sind als wir – und zuletzt fachlicher Geschäftsführer der Suchtkrankenhilfen der Zieglerschen kenne ich die verantwortliche Leitungstätigkeit in diakonischen Einrichtungen bereits in etwas kleineren Maßstab und betrachte sie als eine mich anspornende Herausforderung.

Die »Zieglerschen« wissen sich ausdrücklich einem christlich-diakonischen Menschenbild verpflichtet. Was ist das »Mehr« einer solchen Einstellung gegenüber der bloßen »Brüderlichkeit«?

Mit unserem christlichen Gottes- und Menschenbild liegt in unterschiedlichen Lebenslagen die Beschäftigung mit der Frage nahe: Was ist das Handeln, zu dem uns Jesus in ähnlichen Situationen ermutigt hat? Für mich als einen Laien-Theologen gibt es zwei biblische Zitate, die mir besonders wichtig sind: In Matthäus 25, 40 ist aus der Sicht Gottes formuliert: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«, und im Hohen Lied der Liebe (1. Korinther 13, 13) »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Ich verstehe diese Aussagen so, dass Menschen auch in ihren Zweifeln und Schwächen Gott in der Liebe und im Einsatz für andere ganz besonders nahe sind. Und ich verstehe die Aussage im Hohen Lied der Liebe so, dass eine liebevolle Begegnung, egal wodurch sie motiviert ist, die größte Gottesnähe ausdrückt, denn die Liebe steht über Glaube und Hoffnung. Für unsere Mitarbeitenden und für die Menschen, mit denen wir umgehen, versuchen wir bei den Zieglerschen, solche Momente der Gottesnähe besonders spürbar zu gestalten – das haben wir in unserem Leitbild verankert. Wir versuchen, auch über die bezahlte Dienstleistung hinaus Raum zu schaffen für das Erleben Gottes Liebe in der zwischenmenschlichen Begegnung. Dazu dienen Gottesdienste, Freizeiten und Besinnungen, in denen wir uns Zeit und Raum nehmen zum Austausch, zur Anregung und zum Nachspüren der Liebe Gottes.

Wie wünschen Sie sich Ihren Ideal-Mitarbeiter?

In einem aktuellen Anschreiben an unsere Mitarbeitenden habe ich es so formuliert: Ich schätze starke, von sich und ihrem Tun überzeugte Mitarbeitende, die sich mit ihrem Tun und unserem Werk identifizieren, die für andere und auch für sich selbst sorgen können, die Freude bei der oft nicht leichten und zunehmend immer mehr fordernden Arbeit haben und die nicht einfach »windschlüpfrig « jedem Trend hinterherlaufen, sondern die sich selbst Gedanken machen, ihre eigenen Vorstellungen entwickeln und im hilfreichen Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Oftmals sind selbstbewusste Mitarbeitende mit ihren eigenen Vorstellungen nicht immer ganz einfach, da sie die Einrichtung und Vorgesetzte mit Fragen und eigenen Lösungsideen konfrontieren. Ich schätze die Kraft und Kreativität, die von solchen Menschen ausgeht.

In einem Brief an die Mitarbeiter der Zieglerschen sprechen Sie davon, dass Sie einige »grundsätzliche Ideen« für die vor Ihnen liegende Amtszeit hätten. Verraten Sie uns ein wenig davon?

In der Geschichte der Diakonie sind diakonische »Projekte« entstanden, weil menschliche Nöte offenbar wurden, die gelindert gehörten. In vielen Fällen haben Politik und Gesellschaft die diakonischen Bemühungen wertgeschätzt und gesetzliche Grundlagen für die flächendeckende Umsetzung geschaffen. Und jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht »Sklaven« der Sozialgesetzgebung werden und unsere Tätigkeiten vorrangig am Sozialgesetzbuch ausrichten. Das hat nämlich unter anderem den Nachteil, dass dort alle Hilfen sehr konkret geregelt sind und die Hilfebereiche immer mehr spezialisiert werden. Mir schwebt vor, dass wir als ein großes diakonisches Unternehmen immer auch ein wenig Raum dafür haben, um Neues auszuprobieren, das nicht in den Sozialgesetzbüchern geregelt ist. Und da ist eine grundsätzliche Idee, dass ich uns Mut machen möchte, noch mehr als bisher Hilfefeld-übergreifend zu denken, also zu schauen, wo Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, Ausbildungsinteressen, Freizeitanliegen zusammen kommen können und sich in ihren jeweiligen Stärken und Schwächen noch besser als bisher ergänzen können. Ich freue mich, wenn wir kreativ darüber nachdenken, wie – bildlich gesprochen – der Lahme den Blinden leitet und der Blinde den Lahmen trägt. Dieses Bild hat für mich viel Kraft, und von ihm ausgehend möchte ich gerne »grundsätzliche Ideen« entwickeln. Denn ich erfahre immer wieder: Menschen erleben ihre Würde, wenn sie nicht nur Hilfe empfangen, sondern auch Hilfe weitergeben, trotz all ihrer Einschränkungen auch selbst Beiträge für andere leisten und somit ein wenig einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen erleben können.

Sie haben zusammen mit Ihrer Frau zwei Bücher geschrieben mit den Titeln »Raus aus der Angst« bzw. »Raus aus der Suchtfalle «. Kennt der Psychologe Rau auch Ängste und Süchte am eigenen Körper bzw. der eigenen Seele? Zum Beispiel die Angst vor der neuen Aufgabe?

Ich empfinde nicht wirklich Angst vor der neuen Aufgabe, aber ungeheuer viel Respekt und weiß, dass ich alleine wenig oder gar nichts bewirken kann. Wir brauchen viele Mitwirkende, Mitringende und Mitbetende in all unseren Aufgabenbereichen. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst äußert sich in der Vermeidung. Ich möchte nicht vermeiden, sondern Herausforderungen annehmen. Allerdings gibt es viele und immer noch schwerere Herausforderungen für uns als diakonisches Unternehmen, für einzelne Menschen und für uns als Gesellschaft. Und da wollen wir uns positionieren, wollen unsere Wahrnehmungen beschreiben, unsere Vorstellungen entwickeln und mit anderen diskutieren. Beispielsweise ganz konkret die Frage: Gelingt die Integration von behinderten oder benachteiligten Menschen tatsächlich dann am besten, wenn Spezialeinrichtungen für diese Menschen in großem Stil abgeschafft werden? Verbergen sich hinter einigen fachlich richtigen Überlegungen Einsparhoffnungen? Gerät unsere soziale Sicherung im Druck der Weltwirtschaftskrise in die Defensive? Werden Staat und Gesellschaft auch unser soziales System so und noch besser stützen und sichern, wie sie es bei den Banken tun? Diese und viele andere Fragen können Angst machen – wir begreifen sie als Aufforderung und Herausforderung und wollen uns nicht um die Antworten drücken.

Ich habe keine stoffgebundene Sucht und kann mich zum Glück an vielen Dingen freuen. Doch ich merke auch, dass gerade in der neuen Aufgabe mit so vielen Anforderungen die Arbeit sehr in den Lebensmittelpunkt rücken und anderes verdrängen kann. Eine gewisse »Angst vor der Arbeitssucht« ist da schon gerechtfertigt – aber ich werde dagegen angehen!

Sie sind Orgelspieler, der ja mit zwei Händen und zwei Füßen, also vier autonomen Organen zur selben Zeit agieren muss. Ist das eine gute Voraussetzung für den Vorstandsvorsitzenden der Zieglerschen, gleichzeitig auf vier Hochzeiten tanzen zu können?

Ja, das Orgelspiel trainiert die Gleichzeitigkeit von Notenlesen, Musikvorstellung, Betätigen der 10 (!) Finger und der beiden Füße, Hören des Ergebnisses und des Hörens auf andere an der Musik beteiligte Menschen. Orgelspielen fördert das Denken, Wahrnehmen und Fühlen. Musik fördert das Aufeinander- Hören, das Durchsetzen und Sich-Zurücknehmen. Ich finde, das sind lauter Eigenschaften, die – auch für einen  Vorstandsvorsitzenden – hilfreich sind.

Das Gespräch führte Rainer Kössl