»Es ist viel Arbeit, aber super interessant«

Dagmar Hennings (40), Regionalleiterin bei der Zieglerschen Altenhilfe, wurde in eine hochrangige Expertengruppe berufen, die Pflegestandards entwickelt. Nicola Philipp befragte sie zu den Hintergründen.
■ Seit 1999 formuliert das »Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege« (DNQP) Expertenstandards, um Krankenhäusern, ambulanten Pflegediensten und Einrichtungen der stationären Altenhilfe wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für verschiedene Bereiche der Pflege an die Hand zu geben. Bisher gibt es sieben formulierte Expertenstandards, beispielsweise zur Sturzprophylaxe, zum Schmerzmanagement und zur Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Seit 2008 ist es im Sozialgesetzbuch nun auch gesetzlich festgeschrieben, dass Expertenstandards entwickelt werden sollen und von stationären wie ambulanten Einrichtungen angewendet werden müssen. Das DNQP bewarb sich, um den neuen Expertenstandard »Förderung und Erhalt der Mobilität« zu entwickeln – und erhielt den »Zuschlag«. Dagmar Hennings, Regionalleiterin bei der Zieglerschen Altenhilfe ist seit diesem Jahr Mitglied in der neu gegründeten Expertengruppe. Nicola Philipp befragte sie zu dieser Arbeit.

Frau Hennings, wie kam es dazu, dass Sie Mitglied der Expertengruppe zur Formulierung des Expertenstandards »Förderung und Erhalt der Mobilität« wurden?
Ich wurde von Angelika Zegelin, Professorin am Department für Pflegewissenschaft der Uni Witten/Herdecke, und Astrid Elsbernd, Professorin und Pflegewissenschaftlerin an der Hochschule Esslingen, angesprochen und ermutigt, mich zu bewerben. Mit Frau Zegelin haben wir zu Jahresbeginn einen großen Fachtag zum Thema Bewegungsförderung veranstaltet. Ich selbst hätte mir eine Bewerbung nicht zugetraut. Die formalen Voraussetzungen sind ziemlich hoch. Aber ich wurde ausgewählt und habe mich riesig gefreut.

Wer ist noch in der Expertengruppe und wie arbeitet sie?
Wir sind insgesamt zwölf Expertinnen und Experten, jeweils die Hälfte aus der Pflegewissenschaft und die andere Hälfte aus der Pflegepraxis. Weiter sind drei externe Fachberater beteiligt, eine Physiotherapeutin, ein Diplom-Sportlehrer und ein Vertreter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen Sachsen. Die wissenschaftliche Leitung hat Klaus Wingenfeld, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Pflegewissenschaft an der Uni Bielefeld. Und Andreas Büscher, wissenschaftlicher Leiter des DNQP und Professor an der Hochschule Osnabrück, moderiert die Expertengruppe. Das sind also namhafte Persönlichkeiten. Wir treffen uns insgesamt vier Mal und müssen zwischen den Sitzungen ausgewählte Fachliteratur lesen, um daraus Empfehlungen für die Praxis zu formulieren. Dazu bringen wir unsere praktischen Erfahrungen ein, denn die Pflegewissenschaft ist noch jung und auch international gibt es zu vielen Aspekten keine ausreichenden Studien. In Kleingruppen bearbeiten wir jeweils eine sogenannte Kriterienebene und diskutieren diese wiederum im Plenum – das nennt man Delphi-Verfahren. Es ist viel Arbeit – aber super interessant!

Die Arbeit im Expertenteam ist ehrenamtlich. Was motiviert Sie, so viel Zeit dafür einzusetzen?
Mitzuwirken an einer Publikation, die dann deutschlandweit für alle ambulanten und stationären Einrichtungen Gültigkeit besitzt, ist einfach toll. Weiter ist es mir ein großes Anliegen, die Wissenschaft mit der Praxis zu verbinden. Und natürlich der Kontakt zu anderen Experten, da lernt man auch selbst unheimlich dazu.

Wann soll der neue Expertenstandard vorliegen?
Am 28. März 2014 gibt es eine große Fachveranstaltung in Berlin, bei der der erste Entwurf vorgestellt wird. Dieser wird dann in verschiedenen Einrichtungen implementiert und die Erfahrungen daraus fließen in die abschließende Version ein.

Warum sind Expertenstandards so wichtig?
Aus mehreren Gründen: Erstens ist es sehr wichtig, dass wir durch Expertenstandards unseren pflegerischen Beitrag deutlich machen. Was können wir pflegerisch und mit welchen Rahmenbedingungen – seien es finanzielle, personelle oder qualifikatorische Ressourcen – erreichen? Das pflegerische Handeln wird durch die Expertenstandards am aktuellen Stand der Erkenntnis ausgerichtet, es basiert auf Evidenz, ist wissenschaftlich bewiesen. Betonen möchte ich zweitens die Bedeutung im Zuge der Bundestagswahl 2013. Das Thema Gesundheit und Pflege muss meines Erachtens auf der Agenda der Parteien stehen. Sie sollten unter anderem einen gesellschaftlichen Diskurs anregen mit dem Ziel zu klären, was es unserer Gesellschaft wert ist, für »gute« Pflege zu zahlen. Denn die Anwendung von Expertenstandards kostet Ressourcen. Nach dem neuen Verfahren nach Paragraph 113a Sozialgesetzbuch XI soll erstmalig eine Kosten-Nutzen-Berechnung erstellt werden. Da bin ich sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen diese Berechnungen führen. Erste Ansätze zur monetären Bewertung der Anwendung von Expertenstandards gibt es ja bereits. Drittens dienen Expertenstandards, da sie für alle Einrichtungen Gültigkeit haben, der nationalen Qualitätssicherung und -entwicklung. Alle Einrichtungen sollen anhand des gleichen, wissenschaftlich fundierten Niveaus pflegen. Die Expertenstandards werden zu zentralen Handlungsbereichen in der Pflege erstellt und rücken den betroffenen Menschen und dessen Lebensqualität in den Mittelpunkt unseres Handelns. Expertenstandards werden kontinuierlich überarbeitet, entsprechen damit immer dem neuesten Stand der Forschung und Praxis. Durch diese Tatsache haben sie natürlich auch einen nicht unbedeutenden haftungsrechtlichen Charakter.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Qualitätsentwicklung in der Pflege aus?
Meines Erachtens wird die Messbarkeit der Ergebnisqualität in der Pflege eine zunehmende Rolle spielen. Die Frage ist, wie wirksam sind unsere pflegerischen Leistungen? Erreichen wir das erhoffte und festgelegte Ziel? Und mit welchen Ressourcen? Das heißt, die Entwicklung von sogenannten Qualitätsindikatoren und die monetäre Bewertung unserer Leistungen werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wir müssen in der Pflege darlegen können, was wir mit welchen Ressourcen erreichen können. Dies ist die Grundlage für die weitere Debatte in unserer Gesellschaft – was sind wir bereit, für »gute« Pflege zu zahlen? Voraussetzung dafür ist die weitere Entwicklung der Pflegeforschung.

Frau Hennings, vielen Dank für das Interview.

Dagmar Hennings ist M.A. Pflegewissenschaftlerin und Dipl.-Pflegewirtin. Sie arbeitete als Altenpflegerin, stellvertretende Hausleitung und Pflegedienstleitung, bis sie 2007 Regionalleiterin bei den Zieglerschen wurde. Daneben unterrichtet sie als Honorardozentin an der Fachhochschule Esslingen im Bereich Pflegepädagogik und -management.