Von der Anstaltsdiakonie zur Gemeinwesendiakonie

Interview mit Oberkirchenrat Werner Baur, 58, dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Zieglerschen. Werner Baur folgte ende letzten jahres auf Walter Hofmann, 72, der dieses Amt 18 Jahre lang innehatte.
Herr Baur, Sie sind neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Zieglerschen. Im Hauptberuf leiten Sie das Dezernat »Kirche und Bildung« des Oberkirchenrats der Ev. Landeskirche in Württemberg. Ist Wilhelmsdorf nicht ganz schön weit weg?

Der Abstand zu den Zieglerschen scheint auf den ersten Blick größer als er tatsächlich ist. Ich kenne die Region und habe in meiner Aufgabe als Bildungsdezernent der Landeskirche viele Kontakte und Bezüge hierher. Auch inhaltlich sind »mein« Thema Bildung und das Soziale eng miteinader verbunden.

Vor vier Jahren sind Sie in den Aufsichtsrat der Zieglerschen gewählt worden. Wie kam es dazu?

Erste Kontakte gab es schon in den 90er Jahren. Vor circa fünf Jahren war es dann Herr Züfle, der mich konkret angesprochen und für den Aufsichtsrat angefragt hat.

Wie sehen Sie die Aufgaben eines Aufsichtsrats und seines Vorsitzenden?

Der Aufsichtsrat sollte dem Vorstand die richtigen Fragen stellen. Im Austausch, im Abwägen von Einschätzungen und Fakten sollten mutige Entscheidungen getroffen werden, um die Unternehmensstrategie und -politik zukunftsfähig auszurichten. Im Aufsichtsrat sitzen Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungshintergründen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das sollte der Vorstand nutzen. Operatives Geschäft ist nicht Aufgabe des Aufsichtsrats. Mit seiner Aufsichts-, Beratungs- und Weisungsfunktion stärkt der Aufsichtsrat die Unternehmensleitung und damit hoffentlich alle Beschäftigten eines so großen und für die Region wichtigen, diakonischen Unternehmens, wie es die Zieglerschen sind. Ich freue mich auf das Miteinander.

Was sind – aus Ihrer Sicht – die Herausforderungen, vor denen die Zieglerschen in nächster Zeit stehen?

Als diakonische Einrichtung sind wir mehr als ein »Sozial-unternehmen«. Diakonie ist ein Wesensmerkmal von Kirche. Wie wir als Unternehmen dem diakonischen Auftrag in einer Zeit, in der die sozialen Herausforderungen immer bedrängender und die Finanzierung sozialer Leistungen immer fragwürdiger werden, gerecht werden können, ist für mich eine der spannendsten Fragen – eine gesellschaftsrelevante und nicht nur unternehmerisch existenzielle Herausforderung. Um diese Herausforderung zu schultern, brauchen wir vitale Unternehmensstrukturen, Zuversicht und Hoffnung und eine motivierte Mitarbeiterschaft. Das entscheidende Kapital sind die Mitarbeitenden. Sie sind das Gesicht des Unternehmens.

Als Sie sich in der Mitgliederversammlung vorgestellt haben, sagten Sie, die Gräben zwischen Kirche und Diakonie müssten zugeschüttet werden. Was meinen Sie damit?

Die Anstaltsdiakonie – aus der auch die Zieglerschen hervorgegangen sind – war die Antwort engagierter und couragierter Menschen auf die sozialen Herausforderungen ihrer Zeit. Heute aber muss aus der Anstaltsdiakonie eine Gemeinwesendiakonie werden – ein wichtiger »Netzwerkpartner« für Kirchengemeinden und Kommunen. Aus den »Zieglerschen Anstalten« sind bereits »Die Zieglerschen« geworden. Jetzt muss das diakonische Unternehmen mit seinen Ressourcen und Kompetenzen noch enger und abgestimmter mit Kirchengemeinden, Kommunen und Körperschaften öffentlichen Rechts zusammenarbeiten – zum Wohl des Gemein-
wesens und der Menschen.

Die Fragen stellte Christof Schrade.