»Die Deckelung der medizinischen Reha muss weg«

Interview mit Christoph Arnegger, kaufmännischer Geschäftsführer der Suchthilfe der Zieglerschen, über die Forderung der Bundesdrogenbeauftragten nach mehr Geld für die Reha-Behandlung
Herr Arnegger, seit vielen Jahren fordern die Träger und Verbände der Suchtkrankenhilfe in Deutschland, dass mehr Geld in die Rehabilitationsbehandlung fließen soll. Nun scheint aber auch die Regierungskoalition in Berlin auf diese Linie einzuschwenken – obwohl die Ausgaben im Sozial- und Gesundheitsbereich ständig und scheinbar unaufhaltsam steigen. Mechthild Dyckmans (FDP), die im Sommer auch das von den Zieglerschen mitgetragene Suchtrehabilitationszentrum in Ulm besucht hat, schließt sich dieser Forderung der Verbände an. Woher kommt dieser Sinneswandel?

Wir können einwandfrei nachweisen: Für jeden in die medizinische Rehabilitation investierten Euro – und dazu gehört auch die Behandlung Suchtkranker –  gewinnt die Gesellschaft heute schon fünf Euro zurück. Reha lohnt sich also nicht nur für den Betroffenen, sondern für die Volkswirtschaft insgesamt. Deshalb muss die derzeit gültige Deckelung der medizinischen Reha weg. Diese Deckelung sorgt dafür, dass längst nicht jeder, der eine Behandlung braucht, sie auch bekommt. Das ist nicht nur für den einzelnen Kranken ein schwerer Nachteil. Das ist, wie wir zeigen können, auch volkswirtschaftlich nicht sinnvoll. Davon konnten wir Frau Dyckmans überzeugen. Sie hat diese Betrachtungsweise nun aufgegriffen und viele Medien haben darüber berichtet.

Wie muss man rechnen, um auf so ein Ergebnis zu kommen?

Das ist kein Rechentrick! Eine seriöse Prognos-Studie, deren Ergebnisse von keiner Seite in Zweifel gezogen wurden, hat es an den Tag gebracht. Für die medizinische Reha werden derzeit etwa 1,1 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben. Das sind natürlich gewaltige Summen. Aber derjenige, der erfolgreich seine Reha absolviert hat, gewinnt nachweislich »Berufstätigkeitsjahre« und reduziert »Arbeitsunfähigkeitstage« – und zwar in einem solchen Umfang, dass dadurch ein Spar-Effekt von 5,8 Milliarden Euro entsteht. Das gilt für Menschen, die zum Beispiel nach einem Unfall durch Rehabilitation ihre Arbeitsfähigkeit wiedererlangen genau so wie für Menschen, die nach einer manchmal jahrelangen Suchterkrankung ihr Leben wieder in den Griff kriegen.

Können Sie so einen Spar-Effekt auch für die Behandlung von Menschen mit Suchterkrankung in den Kliniken der Zieglerschen nachweisen?

Ja, das können wir. Unsere Modellrechnungen haben ergeben, dass sich unsere medizinischen Suchtrehabilitationsmaßnahmen bereits nach 18 Monaten amortisiert haben.

Sie betonen stets, dass auch deswegen jetzt nicht an der Reha gespart werden darf, weil sie künftig immer noch wichtiger wird?

Man braucht ja nur zu sehen, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, dass immer mehr Fachkräfte fehlen, dass wir immer länger werden arbeiten müssen. Gesellschaftlich gesehen muss es das Ziel sein, dass die Erwerbstätigen bis zum Erreichen der Altersrente mit künftig 67 auch wirklich erwerbstätig bleiben. Deswegen wird die Bedeutung unserer Arbeit wachsen. Denn wir helfen sehr vielen Menschen wieder zurück ins Leben und damit auch zurück ins Arbeitsleben.

Die Fragen stellte Christof Schrade.