Hier habe ich zum ersten Mal gemerkt: Ich kann was!

Zwei Absolventinnen des bundesweit ersten Ausbildungsganges Arbeitserzieher für Hörgeschädigte Menschen an der Gotthilf-Vöhringer-Schule erzählen von ihrer Ausbildung und dem Leben danach
■ Frau Giusto und Frau Yorulmaz-Weiss, Sie sind beide gehörlos und haben die Ausbildung zur Arbeitserzieherin für hörgeschädigte Menschen an der GVS absolviert. Wie kam es dazu?

Giusto: Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau begonnen und in einem Büro gearbeitet: In der Welt der Hörenden. Das war stressig und lag mir nicht besonders. Von der Ausbildung an der GVS habe ich in der „Deutschen Gehörlosenzeitung“ gelesen. Als ich dann hier war, kam ich mit einem Mal wieder in die Welt der Gehörlosen – eine völlig andere Welt. Zum Glück konnten alle Dozenten gebärden und ich konnte mich schnell anpassen.

Sie haben die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und arbeiten heute im Internat eines Berufsbildungswerkes in Winnenden mit gehörlosen Jugendlichen. Wie funktioniert das?

Giusto: Ich bin gut integriert in mein Kollegenteam. Ich werde sogar als Nachtbereitschaft eingesetzt und bin dann zuständig für vier Gruppen. Ich habe technische Hilfsmittel, damit ich merke, wenn etwas nicht stimmt. Zum einen trage ich einen Funkempfänger, der vibriert, wenn er angefunkt wird. In meinem Zimmer ist eine Blitzlampe installiert und bei einem Alarm vibriert sogar mein Bett. Für die Teambesprechungen kommt ein Gebärdendolmetscher.

Und Sie, Frau Yorulmaz-Weiss, wie war Ihr Weg zur Ausbildung an der Gotthilf-Vöhringer-Schule?

Yorulmaz-Weiss: Ich bin mit meinen beruflichen Vorstellungen früher oft an Grenzen gestoßen und habe viele Enttäuschungen erlebt. Irgendwann habe ich Schneiderin gelernt und in einer Fabrik am Fließband gearbeitet. Schon damals kannte ich das Angebot in Wilhelmsdorf. Als ich endlich hier war, war das wie eine Befreiung. Hier an der GVS habe ich zum ersten Mal gemerkt: Ich kann was, ich habe Stärken. Das war für mich toll, Leute durch die Gebärdensprache bei ihrer Kommunikation zu unterstützen. An meiner jetzigen Arbeitsstelle, als Gruppenleiterin in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Dillingen, arbeite ich täglich mit Gehörlosen. Sie sind gehörlos mit zusätzlichen Behinderungen und sprechen nur Gebärdensprache. Da wurde eben jemand gesucht, der in Gebärdensprache kommunizieren kann. Das war ich. Ich bin total zufrieden dort.

Und wie klappt die Kommunikation mit den hörenden Kollegen?

Yorulmaz-Weiss: Ich musste ihnen erst einmal erklären: Schaut mich an im Gespräch. Sprecht deutlich. Es ist sehr anstrengend, weil ich mich auf das Mundbild konzentrieren muss. Manchmal gibt es Probleme, wenn der Psychologe oder Sozialpädagoge nicht zurechtkommt mit einem Beschäftigten,
dann muss ich übersetzen: „Was will der denn eigentlich?“, fragen die Hörenden. Ich vermittle dann.

Würden Sie diese Ausbildung noch einmal machen?

Yorulmaz-Weiss: Unbedingt! Es ist sehr wohltuend, im Beruf in Gebärdensprache kommunizieren zu können – und das verdanke ich dieser Ausbildung. Deshalb komme ich auch jedes Jahr gern zur traditionellen Fachtagung der GVS, treffe hier andere Ehemalige und Kollegen und genieße den fachlichen Austausch. Außerdem bin ich ja jetzt ein „alter Hase“ und kann den jetzigen Schülern Tipps geben, worauf es ankommt.
Giusto: Das kann ich nur bestätigen. Auch ich bin froh, dass ich die Ausbildung gemacht habe und dass ich jetzt einen festen Job habe, der mir Spaß macht! Ich kann die Ausbildung nur empfehlen!

Das Gespräch führte Elke Schübert - gedolmetscht durch Claudia Madei-Hötzel, die frühere Dozentin der beiden Frauen, die in der Welt der Hörenden genau so zu Hause ist wie in der Welt der Gehörlosen. Frau Madei-Hötzel beherrscht die Deutsche Gebärdensprache (DGS).