Mehr Solidarität mit suchtkranken Patienten

Franz Mayer, Ex-Patient und Ex-Therapeut geht nicht in Rente, sondern wird neuer Vorsitzender des Förderkreises der Fachkrankenhäuser Ringgenhof und Höchsten.
■ Der Förderkreis der Fachkrankenhäuser Ringgenhof und Höchsten hat einen neuen Vorsitzenden: Franz Mayer, 61, steht als Nachfolger von Siegfried Schmid an der Spitze dieses bundesweit einzigartigen Gremiums aus trockenen Ex-Patienten. Sein Ziel: trotz verkürzter Therapiezeit will Mayer dazu beitragen, dass noch mehr der derzeitigen Patientinnen und Patienten nach der Therapie ihrer Einrichtung treu bleiben. Denn die Solidarität beginnt zu bröckeln. Nicht verändert hat sich das Motiv des Förderkreises: wer selbst von der Sucht losgekommen ist, soll andern helfen, davon loszukommen.

Der Förderkreis: das ist nicht einfach eine Selbsthilfegruppe ehemaliger Suchtpatienten, obwohl alle Mitglieder in Selbsthilfegruppen aktiv sind. Der Förderkreis ist heute ein Gremium ehemaliger Patientinnen des Höchsten und ehemaliger Patienten des Ringgenhofs, doch die Hauptamtlichen gehören ebenso dazu: derzeit ist Christoph Arnegger, Kaufmännischer Geschäftsführer der Suchtkrankenhilfe gGmbH, Mitglied im Vorstand; Anni Köser, Mitarbeiterin auf dem Ringgenhof, ist Kassiererin. Zum zweiten Vorsitzenden hat der Vorstand des Förderkreises bei seiner ersten Sitzung des Jahres im Fachkrankenhaus Hohenrodt Godehard Hass gewählt.

Dass die Sitzung in Hohenrodt stattfand, ist ein bedeutsames Zeichen. Zwar behält das Gremium seinen Namen „Förderkreis der Fachkrankenhäuser Ringgenhof und Höchsten“; gefördert werden aber auch die drei Tagesrehabilitationseinrichtungen in Friedrichshafen, Ulm und Reutlingen – und natürlich die Klinik in Hohenrodt, in der hauptsächlich russisch-stämmige Aussiedler behandelt werden.

Franz Mayer, der neue Vorsitzende, ist gleich im doppelten Sinne „Insider“. Wie alle anderen bisherigen Verantwortlichen des Förderkreises hat er seine Suchtkarriere hinter sich, sein „Kurjahr“, wie man damals noch sagte, war 1977. Doch Franz Mayer ist danach nicht in seinen angestammten Beruf als Starkstromelektriker zurückgekehrt, sondern machte erst eine Gärtnerlehre, dann eine Ausbildung als Arbeitserzieher an der Gotthilf-Vöhringer-Schule, ging in die Jugendhilfe und kehrte 1999 für seine letzten Berufsjahre in die Suchtkrankenhilfe zurück: er übernahm die Gärtnerei und schuf den berühmten Kräutergarten. Als Ex-Patient und als Ex-Therapeut kennt er also die Sorgen und Nöte der Patientinnen und Patienten.

Und für diese Sorgen und Nöte ist der Förderkreis da. Gegründet 1963 als „Freundeskreis der Kurhäuser Haslachmühle und Höchsten“ sah die Gruppe zunächst ihre Aufgabe darin, „herauszufinden, was den Patienten nach der stationären Therapie hilft“, so Franz Mayer. Es entstanden die  Freundeskreise am Heimatort als Selbsthilfegruppen, die Jahresfeste wurden gefeiert, der Ringbote als Zeitschrift, die den Kontakt unter Ehemaligen hielt, ging in die Lande. Doch bald stellte sich eine weitere Frage: „Wie können wir Ehemalige den jetzigen helfen?“ Und der Förderkreis begann, Spenden zu sammeln. Spenden, die so gut wie ausschließlich von Ehemaligen kamen und ganz und gar den aktuellen Patienten zugute kamen – und kommen. Millionen von Mark und Euro haben sie ehrenamtlich gesammelt und Waschmaschinen, Mountainbikes und Gesellschaftsspiele angeschafft. Die bekanntesten Beispiele ihrer Spenden- und Sammelleidenschaft sind aber zwei Kirchen: die Kapelle auf dem Höchsten und die Kirche am Weg am Ringgenhof. Sichtbare Zeichen dafür, dass Menschen in beiden Kliniken nicht nur von der Sucht losgekommen sind, sondern auch zum Glauben gefunden haben.

Franz Mayer, der neue Vorsitzende, sieht allerdings, dass die Spendenbereitschaft stagniert. Die Gründe liegen für ihn klar auf der Hand: eine ständig verkürzte Therapiezeit hat zur Folge, dass sich Patientinnen und Patienten nicht mehr in der Art mit „ihrem Höchsten“ und „ihrem Ringgenhof“ identifizieren, wie das noch zu seiner Zeit der Fall war. Die Klinik steht nicht mehr unbedingt für die entscheidende Wendung im eigenen Leben, sondern ist eine von mehreren Etappen auf dem Weg aus der Sucht, kombiniert mit ambulanten Angeboten vor und nach dem stationären Aufenthalt etwa. Auch kommen die Patientinnen und Patienten nicht mehr so zahlreich aus „gehobenen Schichten“, wie das noch vor 25 oder 30 Jahren der Fall war. Wenn der Rentner Franz Mayer heute ehrenamtlich mit Patientengruppen naturkundlich-historische Führungen rund um Wilhelmsdorf macht, „können sich viele unterwegs nicht einmal einen Sprudel kaufen“. Viele Patienten sind praktisch mittellos. Umso nötiger also ist die Arbeit des Förderkreises. Franz Mayer will deshalb nicht nur die Spendenbereitschaft unter den Ehemaligen steigern. Er appelliert auch an Außenstehende, Solidarität mit suchtkranken Menschen zu zeigen: „Jede natürliche und juristische Person kann Mitglied im Förderkreis werden – für nur 15 Euro Jahresbeitrag!“