Clean und dann... zu JUST!

Landessozialministerin Dr. Monika Stolz gab den Startschuss für »JUST - Die Jugendtherapie« und eröffnet damit die erste Rehabilitationsstation für suchtkranke Jugendliche in Baden-Württemberg.
■ Der Startschuss fiel erst vor wenigen Tagen. Am 23. November eröffnete Sozialministerin Dr. Monika Stolz in Ravensburg ein landesweit einzigartiges Projekt: „JUST – die Jugendsuchttherapie“. JUST, ein Gemeinschaftsprojekt der Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie und der Zieglerschen Anstalten, bietet eine Langzeitbehandlung für schwer suchtkranke jugendliche Patienten im Alter von 14 bis 18 Jahren an. Und einzigartig an JUST ist nicht nur das Behandlungsangebot, einzigartig ist auch die Finanzierung: Jugendhilfe, Krankenkassen und die Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg teilen sich die Kosten für die im Regelfall neun Monate dauernde Behandlung. 16 Plätze werden angeboten.

Die Jugendlichen, die zu JUST kommen, haben meist nicht nur eine schwere Suchterkrankung, sondern auch psychische Störungen und Probleme in Schule und Familie, kurz: sie brauchen umfassende Hilfe. Die bekommen sie bei JUST: die Fachleute aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ravensburg und ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Suchtkrankenhilfe und der Jugendhilfe der Zieglerschen Anstalten bilden ein Team, das die für die Behandlung nötigen Kompetenzen einbringen kann. JUST war von vielen Fachleuten seit Jahren dringend erwartet worden, denn bisher gab es für Jugendliche, die eine Entwöhnungsbehandlung durchlaufen hatten, kein passendes Folgeangebot. Diese Versorgungslücke wurde jetzt  geschlossen.

Wie Sozialministerin Dr. Monika Stolz sagte, sei mit JUST eine „Komplexleistung gelungen, die ihresgleichen sucht“. Gerne habe ihr Haus die Moderation bei den schwierigen Verhandlungen der verschiedenen Kostenträger übernommen, weil die Sucht- und Drogenpolitik des Landes einen Fokus auf Jugendliche gerichtet habe. Die Ministerin persönlich überreichte die so genannte Projektvereinbarung für JUST an das Geschäftsführer-Duo: Professor Dr. Renate Schepker von den Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie hat die fachliche Geschäftsführung inne, Christoph Arnegger, Kaufmännischer Geschäftsführer der Suchtkrankenhilfe der Zieglerschen Anstalten, übernimmt diese Position auch bei JUST.

Obwohl JUST mit seinen 16 Behandlungsplätzen kein großes Projekt für die Zieglerschen Anstalten ist – hier arbeiten immerhin 2.500 Mitarbeiter für ca. 4.000 Menschen – sei es doch ein sehr wichtiges Projekt, betonte deren Vorstandsvorsitzender Hans-Peter Züfle. JUST setze mit der erfolgreichen Kooperation der Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie und der Zieglerschen Anstalten ein sozialpolitisches Signal,  dadurch, dass Expertinnen und Experten aus Kinder- und Jugendpsychiatrie, Suchtkrankenhilfe und Jugendhilfe hier zusammenarbeiten.

Wolfgang Rieger, Geschäftsführer der Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie, bezeichnete den Tag als „wahres Wunder“, angesichts der Höhen und Tiefen, die die jahrelangen Verhandlungen insbesondere zur Frage der Finanzierung des Projekts mit sich gebracht hatten. Er dankte vor allem Walter Fessel vom Sozialministerium, der auch in scheinbar aussichtlosen Situationen die Verhandlungen weiter gebracht hatte. Die Weissenau, das Ravensburger Zentrum für Psychiatrie, sei mit ihrem niederschwelligen Entwöhnungsangebot „clean.kick“ schon immer eine Vorkämpferin bei der Suchttherapie Jugendlicher gewesen. Deshalb freue er sich besonders, dass es nun auch gelungen sei, „JUST“ zu etablieren.

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Professor Dr. Renate Schepker, gleichzeitig Fachliche Geschäftsführerin von JUST, beleuchtete in ihrem Vortrag eindringlich die vielfältigen Probleme suchtkranker Jugendlicher, die oft auch noch eine psychiatrische Störung mitbringen. Eine klassische „Behandlungskette“, von niederschwelligen bis zu vollstationären Angeboten ansteigend, sei oft nicht das Richtige für die Jugendlichen, die nicht brav einen Schritt nach dem andern tun. „Jugendliche gehen keinen geraden Weg und schon gar nicht abhängige Jugendliche“. Sinnvoll sei eher ein „Behandlungsnetz“, das viele „Hin- und Herbewegungen“ erlaube: „von der Intensivstation gleich zur Spezialberatungsstelle, von dort zur Drogenberatung vor Ort, von dort zum Hausarzt, von da nach clean.kick, von dort weggelaufen… und dann zu JUST“. Eine Aufgabe von JUST sei es auch, dass die Helfer an den verschiedenen Stationen im „Behandlungsnetz“ von einander und ihren jeweiligen Hilfebemühungen wüssten.

Die Ravensburger Sozialdezernentin Diana E. Raedler bezeichnete JUST als „wichtigen fachlichen und sozialpolitischen“ Schritt. Das Angebot sei überfällig gewesen. Der Kreis Ravensburg sei stolz darauf, solch eine Einrichtung zu haben. Der Landkreis, derzeit selbst in der Suchthilfeplanung aktiv, werde das Projekt auch weiterhin unterstützen.

Für die an den Verhandlungen beteiligten Krankenkassen sagte Kyriake Mastroyannis, Referatsleiterin Rehabilitation bei der AOK Baden-Württemberg, dass es für die Krankenkassen von besonderer Bedeutung sei, ein Nachsorgeangebot geschaffen zu haben für die Jugendlichen, die im Anschluss an eine Entwöhnungsbehandlung weitere Maßnahmen benötigten. Auch sie ging auf die Verhandlungen der verschiedenen Kostenträger ein. Es sei für alle Beteiligten neu gewesen, „Anteile in einen gemeinsamen Topf hineinzugeben“. Aber dies sei der richtige Weg. Schließlich gehe es darum, den betroffenen Jugendlichen bestmöglich zu helfen, und so „haben wir unser Handeln den Bedarfen der Jugendlichen angepasst“. Mastroyannis lobte JUST als eine „kleine, aber bedeutende Sensation“.

Dieter Meschenmoser, Leiter des Regionalzentrums Ravensburg der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, räumte ein, dass die Rentenversicherung „über ihren Schatten springen musste“, um sich bei der „Poolfinanzierung“ zu beteiligen. Die Rentenversicherung habe ja eigentlich zum Ziel, durch Rehabilitationsmaßnahmen die Erwerbsfähigkeit Erwachsener wiederherzustellen. Noch vor Jahren habe keiner daran gedacht, dass dies auch schon bei 14- oder 15jährigen einmal nötig sein würde. Die Rentenversicherung beteilige sich aber voller Überzeugung an diesem Projekt, denn eine Suchterkrankung in früher Jugend sei die denkbar schlechteste Voraussetzung für eine spätere Berufstätigkeit.

Von Heike Engelhardt und Christof Schrade