Zwischen Schafstall und Bio-Gewächshaus

Seit dem letzten Jahr bieten die Zieglerschen auch Plätze für das Freiwillige ökologische Jahr (FÖJ). Kathrin (18) und Marcel (20) gehören zu den ersten FÖJlern in Wilhelmsdorf - und sind begeistert.
■ „Es sollen möglichst viele Menschen davon erfahren“, sagt Marcel Schütz, 20, und läuft vom Stall in Richtung Wohnhaus. Kurz zuvor stand er noch in einem eingezäunten Abteil der Stallgebäude des Ringgenhofs, umringt von blökenden Hochleistungsschafen, und blickte zusammen mit einem seiner Lämmer in die Kamera. „Man muss es mehr bekannt machen“, sagt auch Kathrin Widler, als sie gerade aus dem Gewächshaus der Rotachgärtnerei kommt.

Zwei junge Menschen auf ihrem Weg, einem besonderen Weg. Die Rede ist vom Freiwilligen Ökologischen Jahr, kurz FÖJ, das in den Zieglerschen seit 2007 angeboten wird. Im FÖJ soll jungen Menschen bis 27 Jahre die Möglichkeit geboten werden, ihre Persönlichkeit und ihr  Umweltbewusstsein zu entwickeln und für die Natur und Umwelt zu handeln. Kathrin und Marcel haben zum 1. September 2008 ihre freiwillige Zeit in Wilhelmsdorf begonnen. Die Beweggründe der beiden waren unterschiedlich.

Zwölf Jahre Schule am Stück reichen erst mal: Kathrin hat in diesem Sommer ihre Schulausbildung zur Technischen Assistentin für Agrar- und Umweltanalytik abgeschlossen. Der Traum vom Studium der pharmazeutischen Biotechnologie hat sich zudem nicht sofort verwirklichen lassen und so sieht sie das FÖJ als passende Alternative und als Freiraum, um für ihre berufliche Zukunft vorzubauen. Durch ihre Herkunft – sie ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen – ist ein enger Bezug zum Inhalt des FÖJ vorhanden: „Ich bin als Kind mit dem Dreirad und dem Bobbycar durch den Stall gefahren.“

„Einen Zufall“ nennt es Marcel, dass er hier ist. Die geplante Zimmermannslehre war nicht möglich und da er seine Zeit schon immer gerne in der Natur verbrachte, hat er einfach im Referat Freiwilligendienste der Zieglerschen Anstalten angerufen. Im richtigen Moment. Denn kurz zuvor war ein vegetarischer FÖJler abgesprungen, weil er in letzter Sekunde erfahren hatte, dass all die süßen Lämmchen aus der Schafzucht geschlachtet werden.

Die Schafzucht gehört zum Biolandbetrieb des Fachkrankenhauses Ringgenhof und wird arbeitstherapeutisch für suchtkranke Männer genutzt. Was die berufliche Zukunft für Marcel bringt, das will er während dieser besonderen Monate auf sich zukommen lassen: „Es soll sich entwickeln.“

Innerhalb weniger Wochen hat sich bei ihm schon einiges entwickelt. Marcel erzählt vom ersten Begleitseminar der Landeszentrale für politische Bildung. „Nachhaltigkeit“ war das Thema dieser Pflichtveranstaltung und er findet, dass ihn dies sehr geprägt hat. Seit dem Seminar versucht er, weniger Fleisch zu essen, nur noch zu Festtagen, weil dies auch die Umwelt schone. Es schade insgesamt nicht, weniger zu essen.

Außerdem hat er bei diesem Zusammentreffen mit den anderen FÖJlern aus Baden-Württemberg erfahren, dass man etwas machen kann, um das Verhalten und das Bewusstsein der Menschen zu ändern. In einem Supermarkt schnappten er und seine FÖJ-Kollegen, einer spontanen Idee folgend, 30 Päckchen Bio-Wurstaufschnitt und drapierten diese vor die angebotenen Billigaufschnitt-Päckchen im Regal. Zwei Tage später war der Preis des Bio-Aufschnitts im selben Supermarkt von 1,39 Euro auf 0,99 Euro gesunken. Sein Bewusstsein habe sich in der kurzen Zeit schon sehr geschärft und er habe viele Denkanreize erhalten, fährt er fort: „In dieser Zeit hier kann ich über gewohnte Dinge nachdenken, kann neu bewerten und neue Gesamtzusammenhänge finden.“

Wichtig für Kathrin ist, dass sie mit den Händen arbeiten kann. Auch die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen in der Bioland-Gärtnerei macht ihr Spaß. Ins FÖJ einzusteigen war für sie leicht, da sie bereits im Vorfeld zwei Tage hospitiert hatte, um festzustellen, ob ihr der Tätigkeitsbereich entspricht. „Ich habe mich gut aufgenommen und relativ schnell sehr wohl gefühlt.“ Der Arbeitstag der jungen Frau beginnt um 7.30 Uhr. Ein dunkelblauer Kleintransporter ist für gut ein Drittel des Tages ihr Kollege, denn zu einem ihrer festen Jobs gehört, dass sie Gemüse und Salate in die Küchen der umliegenden Arbeitsbereiche der Zieglerschen fährt.

In der restlichen Zeit arbeitet Kathrin mit behinderten Menschen in der Veredelung, wo Gemüse geputzt, zerkleinert und für die Küchen vorbereitet wird. Auch in den Gewächshäusern oder auf Feld und Acker gibt es immer etwas zu pflanzen oder zu ernten. Kathrin kennt sich nach der kurzen Zeit schon gut aus: Im Vorbeigehen an den Gewächshäusern erklärt sie, was dort gerade gedeiht. Hin und wieder bleibt sie kurz bei einem Kollegen stehen, um übers Gemüse zu fachsimpeln.

Dass der Mensch im Vordergrund steht, gefällt Marcel an seinem Einsatzort im Ringgenhof sehr gut. Seine eindringliche Botschaft richtet sich nicht nur an künftige FÖJler: „sich Fragen stellen, in Fragen leben, Bewusstsein schärfen und den eigenen Weg finden.“ Der Nachhaltigkeits-Fan hält noch einen speziellen Tipp zum Umgang mit den eigenen Ressourcen bereit: „Nicht hetzen lassen, sondern warten, bis es kommt. Alles andere ist nur Verschwendung von Energie.“

Von Katharina Stohr und Bettina Rahn