"Endlich weiß ich, was ich aus meinem Leben machen will"

Interview mit Annika Haag (29), Teilnehmerin des ersten Jahrgangs im Modellprojekt "FSJ plus"
■ Annika Haag ist Teilnehmerin des ersten Jahrgangs des Modellprojekts „FSJ plus“ und gehört damit zu den Pionieren dieses Projekts. Gerade hat sie zusammen mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden die schriftlichen Prüfungen für den Realschulabschluss absolviert. Auf die Ergebnisse wartet sie noch, aber sie hat „ein gutes Gefühl“. Am 16. Juli bekommt sie, wie alle anderen auch, ihr Zeugnis überreicht. Ihre Unterrichtsblöcke hat sie, wie die anderen auch, in der Gotthilf-Vöhringer-Schule in Wilhelmsdorf absolviert. Ihre Praxisstelle ist die Werkstatt für Behinderte in der Haslachmühle der Zieglerschen Anstalten. Dort, in der Haslachmühle, leben und arbeiten etwa 250 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit geistiger Behinderung und zusätzlicher Hör- Sprachbehinderung. Im kleinen Büro der Werkstatt stellt sich die sympathische 20-Jährige den Fragen zu ihren Erfahrungen mit dem „FSJ plus“.

Wie haben Sie vom FSJ plus gehört?
Ich wollte unbedingt ein FSJ, ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Und ich wollte meinen Realschulabschluss machen. Mit beiden Anliegen bin ich zum Arbeitsamt gegangen. Und der Berater hat mir sofort von diesem Projekt erzählt.

Wenn Sie auf die knapp zwei Jahre zurückschauen, die Sie jetzt hier und in der Schule verbracht haben: Was würden Sie sagen, was das Beste am FSJ plus?
Das Beste ist, dass ich jetzt endlich weiß, was ich machen will. Ich wusste vorher nie, was ich „so richtig“ aus meinem Leben machen soll. Am Anfang wollte ich nur den Realschulabschluss. Aber dann sind mir die Bewohner so ans Herz gewachsen, dass ich lieber zum Arbeiten ging als in die Schule.

Was würden Sie heute mit Ihren Erfahrungen anders machen, wenn Sie noch mal anfangen könnten?
Ich würde mich beim Lernen noch mehr reinhängen. Wir alle hätten es einfacher gehabt, wenn wir als Klasse mehr zusammengehalten und mehr zusammen gearbeitet hätten. Aber wir waren und sind eben sehr verschieden.

Wie war das Arbeiten in der Einsatzstelle?
Das war klasse. Ich war total erstaunt, wie die Leute arbeiten, wie genau und gewissenhaft. Sie haben manchmal unglaubliche Fähigkeiten. Sie sind so liebevoll und einfühlsam. Was ich denen gebe, kriege ich hundertfach zurück. Sie sind so hilfsbereit, so direkt und so ehrlich in ihren Gefühlen. Auch mein Anleiter stand immer zu hundert Prozent hinter mir. Um mich verständigen zu können, habe ich am Anfang zwar einen Gebärdenkurs gemacht. Aber richtig Gebärden habe ich mit den Leuten hier in der Werkstatt gelernt.

Hatten Sie zum ersten Mal Kontakt mit Menschen mit Behinderung? Gab es einen Praxisschock als Sie hier angefangen haben?
Nein, einen Praxisschock hatte ich nicht. Viele in meiner Familie haben einen sozialen oder pädagogischen Beruf, eine Tante von mir arbeitet in einem Kindergarten mit schwer geistig behinderten Kindern, da war ich schon manchmal dabei.

Typisch für das FSJ plus ist der Wechsel zwischen Phasen an der Praxisstelle und Lernphasen an der Schule. Wie sind Sie mit diesem Wechsel umgegangen?
Ich bin lieber zum Arbeiten gegangen als in die Schule. Die meisten unserer Lehrer haben uns zwar viel geholfen und uns immer wieder motiviert. Ich hatte den Eindruck, die wollen wirklich, dass wir es schaffen. Aber es war schon schwer, sich zum Lernen hinzusetzen, wenn die anderen Party gemacht haben.

Und die fürs Lernen nötige Selbstdisziplin? Wie haben Sie die aufgebracht?
Das war schon schwer. Früher musste ich nie etwas für die Schule tun, es ging auch so. Jetzt musste und wollte ich mir selbst etwas aneignen. Es haben ja auch einige aus unserer Klasse aufgehört, einige haben es genau genommen mit der Anwesenheitspflicht und andere halt nicht so. Das hat es auch nicht einfacher gemacht.

Wie haben Sie sich durch das FSJ plus verändert?
Ich habe mich ziemlich verändert. Früher bin ich so rumgeschwebt. Jetzt weiß ich, was ich will. Ich habe Geduld gelernt, mit mir und den anderen. Ich habe Eigeninitiative entwickelt und die Kraft, das alles durchzustehen.

Hat sich für Sie daraus eine berufliche Perspektive ergeben?
Ja, im September möchte ich hier an der Gotthilf-Vöhringer-Schule die dreijährige Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin anfangen und dafür brauche ich natürlich den Realschulabschluss. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Prüfungen geklappt haben.

Was würden Sie dem nächsten Jahrgang raten, Ihren Nachfolgern, die im Herbst mit dem FSJplus beginnen?
Die Leute müssen genau wissen, was auf sie zukommt. Denn man braucht schon Kraft und Geduld, um die zwei Jahre durchzustehen. Man braucht schon auch einen Bezug zum Sozialen. Es gibt ja nicht nur die Schulphasen, sondern eben auch die Praxisblöcke. Wenn man die Arbeit mit Behinderten, mit Kindern oder mit alten Menschen nicht gern macht, wird es sehr schwer. Für mich war das aber kein Problem, für mich war die Kombination genau richtig.

Interview: Christof Schrade