Zerrissen

Angedachtes von Pfarrer Heiko Bräuning
■ Es könnte in Wilhelmsdorf gewesen sein: da feiert man einen Gottesdienst für Menschen mit und ohne Behinderung. Doch während Gebet, Schriftlesung, Stille und Predigt hört man immer wieder ein Geräusch: als ob einer eine Zeitung zerreißt. Die Anwesenden schauen sich um und entdecken schnell: es ist Frank. Ein junger Mann mit Downsyndrom. Er kann nicht sprechen. Zerreißt aber während des ganzen Gottesdienstes eine Tageszeitung in kleine Schnipsel. Der Gottesdienst geht zu Ende. Der Pfarrer setzt sich mit der Gruppe von Frank noch zusammen und will herausfinden, warum dieser die Zeitung zerrissen hat. Mühsam findet man heraus: so fühlte sich Frank. Zerrissen. Hin- und hergerissen. Maria, auch aus der Gruppe, auch mit Downsyndrom, auch nicht reden könnend, tut spontan folgendes: sie sammelt die zerrissenen Stücke ein und legt mitten auf dem Boden ein Kreuz damit. Ein Kreuz aus Zerrissenem.

Ist das denkbar: hat das Kreuz etwas mit Zerrissenheit zu tun? Ist etwa Gott selbst mitten drin in aller Zerrissenheit? Gott, der in Jesus übel, ja schandvoll zerrissen wurde, das wird uns in der Passionszeit bewusst.

Zerrissenheit ist ein biblisches Wort. Kommt häufig im Alten Testament vor. Heißt dort lautmalerisch „harass“ und hat folgende Bedeutungsnuancen: Zerreißen im Sinne von: innerlich hin- und hergerissen. Zeiten einer echten Zerreißprobe. Zerstoßen im Sinne von: zerdrückt, kleingemacht, zwischen die Räder gekommen. Einreißen im Sinne von: etwas reißt ein, eine neue Masche reißt ein. Plötzlich läuft etwas ganz anders. Nicht mehr nach Plan. Nicht mehr wie gewohnt. Zerbrechen im Sinne von: ein zerbrochener Mensch, gekränkt, seiner Ehre und Würde beraubt. Herunterreißen im Sinne von: Worte die einen treffen, die einen erschüttern, die einen herunterreißen. Einbrechen, im Sinne von: etwas, auf das man alle Hoffnungen gesetzt hat, etwas von dem man viel erwartet hat, bricht ein. Durchbrechen im Sinne von: ein Geschwür, eine Krankheit bricht durch.

Wir erleben Zerrissenheit täglich in jeder dieser Nuancen. Und alles ist gleichsam leidvoll. Dass die junge Maria aus dem Zerrissenen ein Kreuz legt, weist schon ein wenig über die Zerrissenheit hinaus: am Kreuz kommen menschliche und göttliche Zerrissenheit zusammen. Was daraus wird, kann man nicht ohne das Alte Testament verstehen. Dort heißt es im Propheten Hesekiel: „Ich bin der Herr, der da baut, was zerrissen ist, und pflanzt, was verheert war. Ich der Herr sage es und tue es auch.“

Mir fällt Kierkegaard ein: „Die menschliche Existenz ist gekennzeichnet durch ein Wechselspiel von Glauben und Verzweiflung. Nur das Aushalten dieser Zerrissenheit bietet dem Menschen die Möglichkeit, zu erfahren, dass das Zeitlose in der Zeit enthalten ist und deshalb jederzeit der Sprung aus der Verzweiflung in den Glauben möglich ist.“

In nachösterlicher Zeit sind Gemeinde und Diakonie Orte, wo Zerrissenheit einen Platz hat. Wir wollen versuchen, Zerrissenheit zuzulassen, anzusprechen, ja, anzunehmen, nicht zu verdrängen. Wir wollen sie so gut wir können aushalten. Miteinander. Nicht jeder für sich alleine. Und wir wollen ganz leise schon davon träumen und dann miteinander immer lauter davon reden, wie es in Hosea Gemeinde-Volksgebet,  Glaubensbekenntnis, Liturgie ist: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn, denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen. Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben werden.“ Hosea 6, 1-2

Ein lieber Ostergruß an Frank! Danke für deinen Mut, in den Gottesdienst deine Zerrissenheit einzubringen! Danke an Maria: das Kreuz ist eine hervorragende Idee!