Wie ein Schmetterling

Angedachtes von Elke Schübert
Tour de France: Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.
Günter Grass


Diesen kurzen Text von Günter Grass las ich kürzlich im evangelischen Gesangbuch der Kirche in Württemberg. Er zeichnet ein ungewöhnliches Szenario. Warum geben Radfahrer auf angesichts eines Schmetterlings, der offensichtlich außer Konkurrenz teilnimmt und sicher nicht zu der richtigen Zeit am Startpunkt los geflogen ist? Wie kommt es, dass ein kleiner Schmetterling eine Gruppe von Leistungssportlern so aus der Bahn werfen kann? Die Radfahrer haben bis dahin alles gegeben, nicht nur während des Rennens, sondern auch Wochen und Monate, vielleicht Jahre im Vorfeld. Sie haben trainiert, verzichtet, gegen Unlust und Kraftlosigkeit angekämpft und konzentriert auf dieses eine Ziel hingearbeitet. Dieser Schmetterling bremst sie aus, bringt sie dazu aufzugeben.

Es ist fast unverschämt, wie er auf einmal in das Rennen eintritt, unvermittelt, sorglos, leicht und die Spitzengruppe der Tour de France einfach überholt, ihr davonfliegt. Mit offenen Mündern und blass vor Neid schauen die Radfahrer ihm hinterher, sehen ihn schon bald nicht mehr. Das bremst sie aus, lässt sie aufgeben, wofür sie so lange gekämpft und gearbeitet haben, für die Zuschauer völlig unverständlich.

Mir kamen beim Lesen sofort Parallelen zu meinem Alltag. Ich versuche es gut zu machen, gönne mir keine Pause, gebe mein Bestes in Beruf und Familie. Und dann kommt so ein  bunter Schmetterling… Ich lese die Worte des Psalmisten:

Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet
und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es
im Schlaf. Psalm 127,2-3


Ich denke: »Das funktioniert doch nicht, man bekommt nicht alles geschenkt. Vieles muss hart erkämpft werden. Der Gewinn einer Tour de France, der Erfolg im Beruf, die Anerkennung in der Öffentlichkeit, die Lösungen anstehender Probleme fallen uns nicht umsonst in den Schoß.« Und doch steht das so da in dem Text des Psalmisten. Wie sollen wir das verstehen? Unsere Erfahrungen sind meist andere. Aber die Sehnsucht, sorglos leben zu können, diese Sehnsucht kennen wir alle.

Ich glaube, dass Gott segnen und uns mit vielem beschenken will, einfach so. Er ermutigt uns, ihm zu vertrauen wie  Kinder, die selbstvergessen spielen, weil sie wissen, ihr Vater sorgt für sie. Oder wie Schmetterlinge, die leicht  und vom Wind getragen davon schweben. Schmetterlinge müssen uns nicht, wie bei den Radrennfahrern beschrieben, dazu bringen aufzugeben. Wie diese sich dem Wind, können wir uns unserem Vater im Himmel anvertrauen:

Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.
1. Petrus 5,7


Das entlastet ungemein. Wir müssen es nicht allein schaffen.

Ich wünsche Ihnen und mir in Zeiten der Belastung, Herausforderung, Anspannung oder auch Erschöpfung, dass wir sehen können, dass da einer ist, der größer ist als wir selbst und dem wir uns und unsere Sorgen und Nöte anvertrauen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie immer wieder loslassen und »sorg-los« sein können und neue Kraft  gewinnen für die Herausforderungen des Alltags im Vertrauen auf unseren Gott, der uns sieht.