Von der Begegnung mit einem Kreuz am Wegesrand

Angedachtes von Katharina Stohr.
»Vater unser«. Peng! Plötzlich blickten mir diese beiden Worte auf einem fünf Meter hohen Eichen-Kreuz entgegen. Regelrecht in den Weg gestellt hat es sich, und dennoch unaufdringlich mit seinem einzigartigen Schriftzug. Auf einer kleinen Wanderung war das, damals, vor etwa zehn Jahren. Hineingeschnitzt, diese beiden Worte, ins Holz, das schon jahrzehntelang der Witterung ausgesetzt und entsprechend verblichen und ausgewaschen war.

Gott sei Dank stand eine Bank unter dem Kreuz, denn ich musste mich angesichts dieses Gesamtwerks erst mal setzen.

Und dann konnte ich mich nicht mehr satt sehen, an diesen Worten. Fast trotzig standen sie da auf Augenhöhe – genauso trotzig und eigensinnig wie das Kreuz selbst am idyllischen Wald- und Wegesrand, einsam in der Pampa – über Wiesen, einem Flussverlauf und einem altem Gehöft thronend.

»Was für ein Zeugnis«, dachte ich damals, »uralt – stellt sich einfach in den Weg und fesselt den, der sich fesseln lassen will.« Doch waren es für mich keine Fesseln, die ins Fleisch schnitten oder mir Freiheit raubten. Im Gegenteil: Das Kreuz zog mich an und je mehr ich mich daran klammerte, umso größer wurde das, was sich Leben nennt. Und je mehr Ballast ich am Kreuz ablud und zurückließ, umso leichter fiel der anschließende Gang den Berg hoch. Einfacher wurde mein Leben durch diese »Fessel« nicht – aber erfüllter, vor allem mit Kraft und Freude, die nicht aus mir selber kam. Und stimmiger. Wie eine Verwandlung. Wie der Ostermorgen.

Mittlerweile wurde das Kreuz restauriert. Über ein Jahr lang klaffte deswegen Leere, wo vorher Fülle war. Nun blitzt es mit frischem Anstrich in die oberschwäbische Landschaft hinein. Der Schriftzug ist geblieben. »Vater unser«. Hineingeschnitzt in alle Ewigkeit.