Vom Guten und vom Bösen

Angedachtes von Uwe Fischer
Jahreslosung 2011: »Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.« (Römer 12, 21)

»Am 24. März 2011 jährt sich zum 70. Mal die Ankunft eines ›grauen Busses‹ vor den Toren der Taubstummenanstalt der Zieglerschen Anstalten.« Mit diesem Satz beginnt das Buch von Inga Bing-von Häfen, in dem sie sich mit der Ermordung von Menschen mit Behinderung in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Die Grausamkeit und kalte Nüchternheit, mit der Menschen mit einer Behinderung vor gerade einmal 70 Jahren in Deutschland verstümmelt und ermordet wurden, erschrecken uns zutiefst. Und wir fragen uns, wie wir das mit unserem Idealbild des Menschen in Einklang bringen sollen.

»Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.« So dichtet Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1783. Wenn wir Menschen von uns als Ebenbild Gottes sprechen, dann denken wir immer zuerst an den »lieben Gott«. Das Wunschbild und Ziel vom guten Menschen ist tief in uns verankert. Die Märchen unserer Kindheit, Geschichten, Bücher und Filme, die immer wieder vom Sieg des Guten über das Böse berichten, haben dieses Bild verstärkt. Wir kennen aber auch eine andere Seite.

In der klassischen christlichen Theologie werden sieben Hauptsünden beschrieben, mit denen das, was wir an uns selbst und an anderen als »das Böse« wahrnehmen, begründet wird: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Ich nehme an, dass jeder Leser mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen auch in dieser Auflistung Teile seiner Persönlichkeit erkennt. Auch wenn wir heute andere Worte verwenden würden. Mahatma Ghandi hat die sieben Todsünden der Menschheit so definiert: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien. Und auch hierin erkennen wir einen Teil »des Bösen« in der Welt, das es zu überwinden gilt.

Die Auseinandersetzung mit dem, was wir »das Böse« nennen ist unerlässlich, wenn wir als Menschen in unserer Welt mitgestalten wollen. Sie hilft uns, für uns und unsere Mitwelt ethisch verantwortlich zu entscheiden und zu handeln. Sie hilft uns auch zu erkennen, wo unser entschiedener Widerstand angebracht ist. Wenn wir uns jedoch darauf beschränken, uns mit der Frage nach dem Bösen in uns und in der Welt zu beschäftigen, droht uns die Resignation.

Die Jahreslosung eröffnet eine andere Perspektive. Sie spricht nicht von unserem Auftrag, das Böse in der Welt zu bekämpfen, darüber spricht die Bibel an anderen Stellen. Hier kommt der Gedanke aus der Bergpredigt zum Tragen: »Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.« (Matthäus 5, 44). Eine völlig andere und letztlich verstörende Botschaft, die so gar nicht in unser Bild vom Kampf des Guten gegen das Böse passt.

Was uns Hoffnung macht in dieser Welt sind die Begegnungen und die Momente, in denen »das Gute« aufscheint und spürbar wird: Ein freundliches Lächeln, unerwartete Herzlichkeit, unaufgeregte Hilfe dort, wo sie nötig und erwünscht ist. Persönlichkeiten, die in Aufrichtigkeit und Bescheidenheit Gutes tun ohne viel Aufhebens darum zu machen. Ich denke und hoffe, dass auch das jede und jeder kennt.

Aber: Reicht das aus um das Böse zu überwinden? Es reicht mit Sicherheit nicht aus, um das Böse in der Welt zu überwinden, aber es hilft, Hoffnung wachsen zu lassen. Hoffnung darauf, dass die Welt und die Menschheit eben doch eine Zukunft haben. Trotz allem Bösen, das geschieht. Das Gute - und damit die Überwindung des Bösen - ist Ausdruck und Ziel unserer Hoffnung in dieser Welt.