Tod, wo ist Dein Stachel?

Angedachtes von Stefan Geiger
Am Anfang: Fragen
Obwohl jedem klar ist, dass er oder sie einmal sterben muss, erlebe ich bei sehr vielen Menschen ein sehr großes Befremden, wenn es um das Sterben und den Tod geht. Warum? Todesanzeigen in der Zeitung: Sie berühren nicht, wenn von Menschen »Abschied genommen« wird, die sehr alt wurden. »Sie hatten ein erfülltes Leben.« Anders wird es, wenn in Anzeigen plötzlich der eigene Jahrgang steht. Noch eine Steigerung sind Todesanzeigen von Kindern oder Jugendlichen. Warum? Bei vielen (deutschen!) Todesanzeigen steht am Schluss: »Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen!« Warum? Wie gehe ich mit dem »Thema« Tod und Sterben persönlich um? Der Tod – das Ende, vor dem man sich fürchten muss?

Ich habe mit vielen Menschen »über« das Thema Tod und Sterben gesprochen, ob Konfirmanden oder Jugendgruppen, Mitarbeiter der Behinderten- oder Jugendhilfe, mit Eltern oder auf Seminaren. Dabei konnte ich immer wieder erleben: Wenn man vorbeugend, also mehr »theoretisch« über das Thema spricht, dann bleibt eine große Distanz, ein großer Abstand. Der eigene Tod wird ausgeklammert. Wenn ich aber mit Menschen spreche, die einen Angehörigen oder zu Betreuenden »verloren« haben, dann ist das Miteinander völlig anders: Da stehen plötzlich Gefühle ganz stark im Vordergrund. Und damit ein anderes Thema: Leid und Trauer. Nein, so stelle ich oft fest, irgendwie habe ich den Eindruck, wir haben in unserer Gesellschaft keine richtige, aufrichtige Leidens- und Trauerkultur. Wie oft fallen Sätze wie: »Es ist doch für den Betroffenen besser so, er ist erlöst!«, »Jetzt habt Ihr wieder mehr Zeit für Euch!« oder schlicht nur der hilflose Satz: »Herzliches Beileid!«, weil einem nichts Besseres einfällt. Mir sagte einmal ein Niederländer: »Bei uns zu Hause auf dem Land wird bei einer Beerdigung überhaupt nicht gesprochen, entweder nickt man sich zu oder man umarmt sich wortlos. Warum müsst Ihr Deutschen immer alles kommentieren?«

Letztlich sind wir bei dem Thema Tod und Sterben meist schlicht und einfach hilflos, ohnmächtig, ja »sprachlos«. Wäre es nicht eine Form, mit dem Tod und Sterben genau so umzugehen: einfach ehrlich sprachlos sein? Aber dieses »ehrlich sein« setzt voraus, dass man zum Beispiel die Situation mit dem Sterbenden oder den Angehörigen einfach aushalten muss – und das fällt uns sehr, sehr schwer. Wie schnell geht man nach einer Beerdigung zum Alltag über, weil man – so vermute ich – es anders nicht aushält? Am Rande bemerkt: Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir seltsame Begriffe wie Leichenhalle, Leichenschmaus oder Leichenwagen verwenden? Ist das nicht geschmacklos? Der Mensch, den wir lieben, um den wir trauern, weinen, an seinem Tod vielleicht auch verzweifeln, es nicht fassen können, dieser Mensch ist dann plötzlich nur noch eine »Leiche«?

Das sind spontane, splitterhafte Gedanken, kein theologischer Aufsatz oder dergleichen. Aber immer lande ich an dem Punkt: Wir sind dem Sterben und Tod in unserer Gesellschaft meist hilflos, unsicher, gehemmt gegenüber. Muss es dabei bleiben?

Der Tod – eine Bereicherung für das Leben
Diese Überschrift werden viele vielleicht komisch finden oder nicht verstehen. Ich bin dem Tod in meinem Leben vielfach begegnet, schon als Kind (Pfarrerssohn). Als Jugendlicher erlebte ich, wie junge Menschen starben. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis und in meinem Arbeitsfeld begegnete mir der Tod liebgewordener Menschen, nicht zuletzt aber auch bei einem eigenen Herzstillstand mit Nahtoderlebnis.

Für mich haben diese vielen Begegnungen mit dem Tod mein Leben verändert. Vor allem habe ich dadurch gelernt, mein Leben dankbar zu sehen und zu nehmen. Dankbar für den Augenblick zu sein und diesen genießen zu dürfen – wenn dies den Alltag prägt, dann ist dies ein Reichtum, den einem niemand nehmen kann (auch nicht der Tod!). Und das andere: Der Tod hat für mich den Stachel verloren, nicht zuletzt in dem Gedanken, in Gottes Armen geborgen zu sein – im Leben, Sterben und im Tod.

Zum Schluss
Ein 11-jähriger Junge, der an einem schweren Hirntumor gelitten hat, sagte im Augenblick seines Sterbens mit einem unvergesslichen, entspannten Lächeln im Gesicht: »Ich bin froh, jetzt habe ich’s geschafft. Danke für alles, mein Leben war schön!« Dann schloss er die Augen und starb.