Tiere als Therapeuten und Seelsorger?

Angedachtes von Karl-Ernst Kreutter
Berta hieß die ältere Dame, die ich vor vielen Jahren kennenlernen durfte. Wäre sie mir außerhalb unserer damals neu eingerichteten Wohngruppe begegnet, würde ich mich vermutlich kaum mehr an sie erinnern, so bescheiden und zurückhaltend, wie sie als Person war. Berta war schwer demenziell erkrankt und in ihrer Fähigkeit zur Kommunikation für alle erkennbar stark eingeschränkt.

Sehr liebevoll und konzentriert wandte sie sich jedoch unserer Gruppenkatze zu und blühte dabei richtig auf. Wie bewirkte dieses Tier eine solche Lebendigkeit, die bei all unseren eigenen Bemühungen kaum zu erreichen war?

Durch ihr Schnurren, Entgegenlaufen, Anschmiegen, Anstupsen und viele andere Ausdrucksformen äußerte die Katze ihr Wohlbefinden und ihre Zuneigung. Das gesprochene Wort, für unseren Umgang mit Berta meist im Vordergrund, war für diese Frau in ihren Begegnungen mit der Katze nicht mehr so wichtig.

Die nonverbale, instinktive Kommunikation, die nahen Körperkontakt zwischen Tier und Mensch wie beispielsweise Streicheln, Küssen, Umarmen oder Kuscheln zulässt, schaffte Vertrautheit, Zuneigung, emotionale Wärme und Bindung. Erstaunt nahmen wir eine völlig veränderte, sichtbar gelöste und entspannte Berta wahr, die sich situativ und auf den Augenblick konzentrierte.

Die Katze erteilte uns eine wichtige Lektion: Sie störte sich nicht daran, wenn Berta ihr immer wieder dasselbe erzählte und sie deutete auch den Inhalt des Erzählten nicht. Wichtig waren für das Tier allein die Signale und Angebote der Zuneigung seines menschlichen Gegenübers. Erstaunt nahmen wir wahr: Die beiden verstanden sich. Sie waren auf einer Wellenlänge.

Tiere tun den Menschen gut. Sie sind ihnen hilfreiche Begleiter. Ihre positive Wirkung auf Menschen, die wir in unseren Einrichtungen fördern und begleiten, ist unbestritten. Die so erfahrbare bedingungslose Nähe und Zuwendung im Kontakt mit Tieren vermittelt den Betroffenen das Gefühl von Bedeutsamkeit und stärkt ihr Selbstbewusstsein und die eigene Identität.

In unseren Begegnungen mit den Tieren können wir etwas davon entdecken, was uns miteinander verbindet. Auch sie sind Geschöpfe Gottes. Deshalb sollten wir uns davor hüten, uns vorschnell über sie zu erheben. In mancher Hinsicht können sie uns manchmal zum Vorbild werden und sogar die wirksameren Therapeuten sein.