Soll Inklusion das Helfen abschaffen?

Angedachtes von Ernest Ahlfeld*
Jede Zeit hat ihre Wörter. Ein Wort unserer Zeit ist Inklusion. Menschen ganzheitlich teilhaben lassen an den Angeboten und Möglichkeiten des Lebens und der Gesellschaft. Geistige und körperliche Handicaps überwinden, um Teilhabe zu ermöglichen. Das will Inklusion. Und das ist im Grunde zu bejahen. Doch im Alltagsleben einer Kirchengemeinde tauchen bei der Umsetzung allerlei Fragen auf. Ein Beispiel aus Wilhelmsdorf, unserer Brüdergemeinde: Barrierefrei sollen Menschen in den Betsaal, unsere Kirche, kommen – also selbstständig, ohne jede Hilfe. Wir haben nach langer Diskussion einen Zugang umgebaut, Treppen entfernt, keine Kosten gescheut. Jetzt ist der neue Zugang da und alle sind begeistert.

Doch eine kritische Frage aus der Diskussion im Vorfeld blieb bei mir hängen: »Warum braucht man diesen Umbau eigentlich? Wir sind doch im Gottesdienst nie alleine, wir sind doch da, um einander zu helfen!« In der Tat kamen viele unserer Rollstuhlfahrer auch vorher durch gegenseitiges Helfen in den Betsaal. Soll die Inklusion also das Helfen abschaffen? Sicher nicht.

Der Theologe in mir denkt an 1. Kor. 12. Paulus vergleicht dort die Gemeinde mit einem Leib, der, vom Heiligen Geist zusammengehalten, aus vielen verschiedenen Gliedern besteht. Ziel der Gemeinde ist es nicht, die Verschiedenheit aufzuheben und die Glieder voneinander unabhängig zu machen, sondern sie zusammenzuhalten, dass sie sich gegenseitig stärken. Dabei ist unbedingt aller Gleichmacherei zu wehren: Ein Auge ist nun mal kein Ohr.

Ein barrierefreier Zugang steht dem nicht im Weg, kritisch wird es für mich an anderer Stelle. Wir haben in Wilhelmsdorf viele Menschen mit geistiger und Hörbehinderung. Doch »künstliche« Sammelorte sollen abgeschafft werden. Inklusion in kleinen Einheiten vor Ort liegt im Trend. Das hat sicher Stärken, aber ich sehe auch Schattenseiten: Bei uns gehören Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazu. Elemente mit unterstützenden Gebärden sind Teil der Gottesdienste. Das Vaterunser wird mit Gebärden gebetet und die Gemeinde hat sich an die manchmal etwas anderen »Glieder« gewöhnt. Ja, wir erleben sie als wirklichen Reichtum. Wir erleben einen lebendigen, vielfältigen Leib.

Wenn unsere behinderten Geschwister wegverlegt werden aus inklusionspolitischen Gründen und am Ende nur noch ein oder zwei dann in ihrem Dorf oder Städtle leben, wird dort jemand noch so auf sie eingehen? Dürfen sie weiterhin lebendige Glieder am Leib sein? Wird jeder Pfarrer in jeder Gemeinde die Gebärden lernen? Dient diese Politik noch den Gliedern und dem Leib? Gelungen ist Inklusion nur dort, wo sie Menschen zusammenführt und nicht dort, wo sie Menschen
nur unabhängiger und am Ende einsamer macht.

*Ernest Ahlfeld ist Pfarrer der Evangelischen Brüdergemeinde Wilhelmsdorf