Sieben Wochen Ohne

Angedachtes von Gerhard Amend
Während ich an meinem Schreibtisch sitze um das »Angedacht« für das nächste visAvie zu schreiben, steuert die Fasnet draußen auf ihren Höhepunkt zu. Umzüge allerorts, Faschingsbälle bis in die frühen Morgenstunden, Faschingsveranstaltungen auf allen Kanälen im Fernsehen. Am Mittwoch ist dann alles vorbei. Der Alltag hat uns wieder.

Nur wenigen ist bekannt, dass im Kalender des Kirchenjahres dann ein ganz neuer Abschnitt beginnt. Sinnvoll, wie ich meine, wird die Zeit der überschäumenden Fröhlichkeit, die ohne Zweifel, verantwortlich gefeiert, ihr Recht und ihren Platz im Jahresablauf hat, abgelöst von einer Zeit der Besinnung, des Nachdenkens über sich selbst, durch die Passions- und die Fastenzeit, eine Zeit, in der die Christen in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu denken und gewissermaßen im Fasten Anteil nehmen an diesem Leiden.

Fasten ist einerseits in einer Zeit des Überflusses wieder ganz in Mode gekommen. Kaum eine Illustrierte, in der nicht erfolgversprechende Maßnahmen angepriesen werden, die helfen, überflüssige Pfunde loszuwerden. Fasten und damit auch die Fastenzeit hat andererseits im religiösen Bereich mehr und mehr an Bedeutung verloren.

Umso erfreulicher, dass bewusste Christen vor einigen Jahren den Gedanken des Fastens neu aufgegriffen und die Aktion »7 Wochen ohne« ins Leben gerufen haben. Das Abnehmen von Pfunden steht dabei weniger im Vordergrund, ist im einen oder anderen Fall bestenfalls ein willkommenes Nebenprodukt. Es geht vielmehr um ein Abnehmen von Abhängigkeiten. Es geht um die Frage der Überprüfung von Gewohnheiten in meinem Leben, um die Frage, ob ich diese Gewohnheiten beherrsche oder sie mich.

Für viele stellt sich die Frage nach der Abhängigkeit vom Alkohol, der Zigarette, von Süßigkeiten, vom Fernsehen oder von der Arbeit. Dienen mir diese Dinge oder diene ich ihnen? Bin ich ihr Gefangener?

Bin ich, und das scheint mir gerade in der Diakonie eine besonders wichtige Frage, so sehr in meine Arbeit verstrickt, dass nichts anderes mehr daneben Platz hat, oder bin ich in der Lage, den berechtigten Anforderungen des Alltags die berechtigte Forderung der Ruhe entgegenzusetzen? Wie beginne ich meinen Tag und wie beende ich ihn, wie gestalte ich meine Wochenenden und wie meinen Urlaub?

Begleitet wird diese Aktion von Angeboten zu gemeinschaftlichem Tun, zu gemeinsamem Fasten, Beten und Meditieren, unterstützt durch ein sogenanntes Hungertuch und einen Fastenkalender, in der Regel mit Problemen der Dritten Welt aufgearbeitet für jeden Tag. Fasten macht frei von etwas, das mich gefangen hält und Fasten macht frei für etwas, für Menschen in meiner Nähe und für Menschen in der Ferne, für mich selbst. Fasten macht frei zum Teilen.

Die Aktion »7 Wochen ohne« fordert auf, die Zeit, die ich gespart habe, anderen zu schenken, das Geld, das ich gespart habe, an andere weiterzugeben. Ihrer Phantasie, zu sparen und zu teilen, sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Für mich ist es jedes Jahr neu ein Gewinn, diese sieben Wochen ohne, ein Gewinn, den ich mit Ihnen teilen möchte. Innezuhalten, sich Zeit nehmen für sich selbst, Freiheiten zu finden von sich selbst und damit den Blick für andere wieder zu entdecken.

In diesem Sinne eine gesegnete Passions- und Fastenzeit und an deren Ende ein gesegnetes Osterfest.