Ostern – wenn unserem Glauben Flügel wachsen

Angedachtes von Pfarrer Heiko Bräuning
Sören Kierkegaard, dänischer Religionsphilosoph, hat mit spitzer Feder eine kleine Geschichte geschrieben. »Die Christen«, so erzählt Kierkegaard, »leben wie Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsamste Gänserich steht auf einem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den redegewandten Gänserich. Aber das ist alles. Eines tun sie nicht: sie fliegen nicht. Sie gehen zu ihrem Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher.«

Ostern ist das Fest der Christen, an dem unserem Glauben Flügel wachsen. Flügel zum Beispiel für unsere Perspektiven: Neu ist, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Flügel – für unsere Hoffnung, die schon so viele kleine Tode gestorben ist und schleichend gänzlich stirbt. Dass Ostern, die Verwandlung von Totem in Lebendes, uns heute betrifft, bringt Paulus so auf den Punkt: »Wir werden aber alle verwandelt werden.« (1. Korinther 15,51)

Wie so ein Verwandlungsprozess vor sich gehen kann, beschreibt der alternative Nobelpreisträger Nicolas Pernas an einem wunderbaren Beispiel: Wenn sich eine Raupe in einen Schmetterling verpuppt, tauchen in seinem Körper sogenannte Imago-Zellen auf, Schmetterlingszellen, die im alten Raupen-Körper bereits die Zukunft vorausnehmen. Die erste Generation dieser Zellen wird vom Immunsystem der Raupe als Fremdkörper angegriffen und vernichtet. Die zweite Generation wird ebenfalls scharf attackiert, doch sie hat bereits gelernt, die Immunzellen der schwächelnden Raupe so zu infizieren, dass sie selber Imago-Zellen hervorbringen. Irgendwann schließen sich die isolierten Imago-Zellen zu Clustern zusammen, die sich wiederum über Zellstraßen vernetzen. Dann kommt der Moment, in dem diese vielen Zukunftszellen und Zukunftscluster kapieren: Wir sind gar keine Raupe mehr, wir sind schon längst etwas anderes! Von dem Augenblick an geht es rasend schnell!

Ostern – der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Und es gilt: Die auf den auferstandenen Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln! (nach Jesaja 40, 31). In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: guten Flug!