Nehmt einander an

Angedachtes von Prof. Dr. Harald Rau
? Gedanken zur Jahreslosung liest man allenthalben, meist am Anfang eines Jahres. Doch eigentlich soll sie Christen durch das ganze Jahr begleiten. Prof. Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, bringt die Jahreslosung 2015 wieder ins Bewusstsein.

»Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob«, so lautet die Jahreslosung auf Römer 15, Vers 7, die uns durch das Jahr 2015 begleitet. Gerade für uns in der Diakonie drückt die Jahreslosung eine ganz zentrale Forderung unserer Arbeit aus. Im Einander-Annehmen begegnen wir Jesus, der sagt »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matth 25, 40). Und so dürfen wir sicher sein: Indem wir einander annehmen, einander sehen, einander begegnen, begegnen wir Christus.

Jedes Jahr hospitiere ich in zwei unserer Einrichtungen jeweils für einen Tag, beispielsweise in der Sucht-Fachklinik Höchsten in Bad Saulgau, in einer Schule unseres Hör-Sprachzentrums, in einem unserer Seniorenzentren usw. Dabei komme ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die von ihren Erfahrungen berichten. Sie erzählen, wie gut es ihnen tut, als Mensch gesehen, in den eigenen Stärken erkannt, in die Gemeinschaft gestellt, auf ihrem Weg nicht bevormundet, sondern in ihren Sichtweisen ernst genommen zu werden. Diese Erfahrungen haben sie als die ganz wesentliche positive Erfahrung in unseren Einrichtungen erlebt. Diese Erfahrungen geben ihnen Kraft, Zuvertrauen und Neugier. Neugier auf diese Welt, auf Menschen und auf sich selbst. Es ist die Erfahrung, angenommen und ernst genommen zu sein, ein Wunsch, der jedem von uns tief innewohnt.

In unserem Leitbild haben wir es so formuliert: »Gott liebt jeden Menschen vorbehaltlos. Diese Gewissheit leitet uns in unserer täglichen Arbeit.« (Satz 1). Und: »Wir begegnen einander wertschätzend und gehen respektvoll und ehrlich miteinander um.« (Satz 13).

Und das ist auch mein Wunsch an uns Menschen in den Zieglerschen und an die Menschen, die mit uns im Kontakt sind: Lassen Sie uns Möglichkeiten der Begegnung und des Annehmens anderer suchen und realisieren, jede und jeder auf die eigene Weise. Und lassen Sie uns gemeinsam die Rückwirkung dieses Annehmens auf uns selbst, auf unsere Gesellschaft und unsere wunderbaren diakonischen Begegnungsräume erleben.