In der Wüste liegt der Neubeginn

Angedachtes von Peter Deuss
■ Vor einiger Zeit las ich eine Reportage über die Central Station, den Hauptbahnhof von New York. Unter dem Titel »Geschichten um den Bahnhof« erzählte der Autor Stories von heute und längst vergangenen Zeiten. Zum Beispiel die von einem Mann, der seit über zwölf Jahren in einem Luftschacht noch unter der U-Bahn lebte. Kein Zimmer, kein Tageslicht, keine sanitären Anlagen, kein richtiges Bett. Das Einzige was ihm blieb, waren ein paar Kumpels und Drogen.

Eines Tages fand dieser Obdachlose einen Bleistift. Er setzte sich hin und begann zu schreiben. Seine Geschichte handelte von seinem Kollegen, der an Aids erkrankt war und mit ihm dort unten in der Dunkelheit lebte. Als er fertig war, gab er dem Kollegen die Geschichte. Der Aidskranke las die Seiten und fragte: »Liebst Du mich?« Verblüfft und nach einigem Nachdenken antwortete der Schreiber: »Ja, ich hab dich lieb.« Alles, was in den letzten zwölf Jahren an Gefühlen und Wünschen verschüttet worden war, kam in diesem Moment in ihm hoch. Sie saßen beide da und weinten.

Am nächsten Tag ging der Mann mit der Geschichte zur Obdachlosenzeitung. Dort wurde sie einige Zeit später gedruckt. Inzwischen ist der Mann ein gefragter Autor. Sein Leben hat sich völlig verändert. Er ist nicht mehr obdachlos und weg von den Drogen. – In der schlimmsten Zeit kann Neues wachsen. Wüste, Wüstenzeiten. Jeder kennt sie. Zeiten, in denen alles karg und lebensverachtend erscheint, wo sich nichts mehr bewegt, wo man in eine Sackgasse geraten ist. Kein Ausweg, Nullpunkt. Das ist nichts Neues. Menschen aller Generationen haben solche Erfahrungen gemacht. Auch in der Bibel lesen wir von Protagonisten, denen es so ergangen ist. Einer von denen war Elia, ein Prophet, oder wie wir heuten sagen würden: ein Botschafter. Ein Botschafter mit einem wirklich schwierigen Auftrag. Die Menschen fragten in dieser Zeit nicht mehr nach Gott, sondern hingen an einem Götzen namens Baal. Im Kampf gegen die Götzenverehrung trat Elia schließlich gegen 400 Baal-Priester an. Es gab einen Kampf mit vielen Toten, Elia siegte – und floh in die Wüste.

Elia war am Ende und wollte sterben. Er legte sich in der Wüste unter einen Busch und brach zusammen. Er hatte den Auftrag ausgeführt, aber er hatte auch Menschen getötet und jetzt war sogar sein eigenes Leben in Gefahr. Er sah keinen Ausweg. In dieser Situation schickte Gott einen Engel. Elia sollte erst einmal schlafen und essen…Wie es weitergeht können Sie im Buch 1 der Könige im Kapitel 19 lesen. Mir wurde dabei wichtig, wie Gott handelt. Da kamen keine Worte, weder Ermutigung noch Strafpredigt, sondern ein Umsorgen. Schlaf und iss, komm wieder auf die Beine, ruh dich aus. Und dann – ein neuer Auftrag, ein neues Ziel.

Auch heute ist Gott immer noch derselbe. Er weiß, was wir brauchen. Wenn wir denken, es geht nicht mehr weiter, hat er für uns einen Neubeginn. Wie in der Geschichte aus New York ist ein wesentlicher Teil des Neubeginns, die Beziehung nicht zu verlieren oder sie auf neue Weise zu gestalten. Auf die Frage »Liebst du mich?« kommt »Ja, ich hab dich lieb«. So wird auch unsere Bitte »Hilf mir Gott« nicht unbeantwortet bleiben. Ich habe dies immer wieder in meinem Leben erfahren. Wo wir am Ende sind, gibt es für Gott immer wieder eine offene Tür, einen Neuanfang, einen Same, der Leben ermöglicht und fördert. Es kommt immer wieder ein Ja zu mir und meinem Leben.