Ich hab genug gesehen

Angedachtes von Heidrun Hallanzy
■ Der belgische Liedermacher und Sänger Milow beschreibt in seiner Ballade »The Priest« den inneren Kampf eines Priesters, der nach 42 Dienstjahren glaubens- und lebensmüde ist, enttäuscht von Gott und seiner Kirche. Sein Erleben gipfelt in dem Satz: »I’ve seen enough, that’s why I know, God left his place long, long ago.« In den Worten dieses Priesters finde ich mich manchmal wieder, sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben. Immer dann, wenn ich trotz größter Mühe auf unerträgliche – eigene oder fremde – Grenzen stoße und erlebe, dass Gott nicht eingreift und Dinge zum Besseren wendet. Das enttäuscht und ernüchtert mich.

In meinem Beruf gilt es auszuhalten, dass manche Kinder Belastungen und Handicaps mit sich herumtragen, die mich in meiner Helferrolle sprach- und hilflos machen.

Manche Psychotherapieformen sprechen in diesem Zusammenhang von einem »Zeugen«, den es braucht, um Schweres ertragen zu können, um weiterleben zu können, um Lebensmut, vielleicht sogar Lebenslust wiederzufinden. Ein Zeuge hat das Geschehene entweder selbst mit angesehen oder er teilt es anschließend, indem er es noch einmal behutsam mit mir anschaut, mit mir meine bedrohlichen Gefühle aushält, mir hilft, das Geschehene in mein Leben zu integrieren.

Nicht alleine unterwegs zu sein, wenn es durch Tiefen geht, halte ich für die bisher wichtigste Lektion in meinem Leben. Da auch ich – noch!!! – keine befriedigende Antwort von Gott – oder sonstwem – auf die Frage nach dem »Warum« des Leidens bekommen habe, lebe ich einstweilen damit: Zwar hat Gott wirklich den Himmel verlassen wie Milow singt – aber er ist nicht gegangen, um uns im Stich zu lassen. Er ist gegangen, um in der Person Jesu mitten in unser Leben einzutauchen, mit allen Konsequenzen: Erleben von Erfolg und Freundschaft, aber auch von völliger Verlassenheit, Ohnmacht und Schmerzen, letztlich von Sterben. In allem hat er an Gott festgehalten und damit den Tod und mit ihm alle lebenszerstörenden Mächte besiegt – was übrigens auch uns verheißen ist!

Ich tue mich sehr schwer mit einer Vorstellung von Gott als demjenigen, der allmächtig im blauen Himmel thront und uns beim Leiden zuschaut. Ich glaube, Gott kann uns manches Leiden nicht ersparen, warum auch immer. Aber, und nun komme ich zurück auf die Sachen mit dem »Zeugen« in der Psychotherapie: Gott sieht und bezeugt unser Leiden. In Jesus teilt er es und ist mittendrin. Ich bin überzeugt, dass Gott unseren Schmerz fühlt, vielleicht sogar mehr als wir selbst.

Wie heilsam und entlastend ist es, wenn jemand an meiner Seite ist und vor allem auch bleibt, selbst wenn sich der Schmerz als chronisch herausstellen sollte! Das ermutigt mich für die Arbeit auch mit solchen Kindernöten, die nicht so schnell – oder gar nicht – zu lösen sind. So kann ich es an ihrer Seite aushalten und ihr – manchmal schweres – Leben teilen.

Gleichzeitig erlebe ich mich in meinem Leiden und meiner Hilflosigkeit mitgetragen von meiner Familie, von Freunden, Kollegen und auch von Gott. Ich kann weder bei anderen, noch bei mir selbst Leiden vollständig verhindern. Aber ich kann einiges dafür tun, dass meine Mitmenschen und ich im Leiden nicht alleine gelassen werden.