"Gott? Wer ist denn Gott?"

Angedachtes von Antonia Wagner
■ Alles begann an einem schönen, sommerlichen Frühlingstag in der Haslachmühle. Ich war unterwegs, um die Kinder nach Schulschluss auf die Wohngruppe zu begleiten, eine Aufgabe zu erfüllen, die täglich wiederkehrt. Plötzlich sang neben mir ein Kind das Lied „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind“. Ich stimme gleich mit ein, erinnere mich an „frühere Kindheitstage“, und so liefen wir beide singend durchs Gelände der Haslachmühle. Voller Freude kamen wir bei der Gruppe an. Da fragte ich, ob sie denn überhaupt wissen würde, was sie singt. Die Antwort war klares Schweigen und so antwortete ich, dass sie ja von Gott singen würde. „Von Gott?“, fragte sie. „Wer ist denn Gott?“

Ich war sprachlos!

Und dann ein wenig ratlos. Denn: Wer ist denn nun Gott? Und wie erklärt man das einem behinderten Kind? Und gilt diese Frage nicht uns allen – immer wieder?

Dem Kind antwortete ich, nachdem ich ein kurzes Stoßgebet in Richtung Himmel schickte: „Er ist immer bei dir!“ Sofort bereute ich es, als ich den verständnislosen Blick sah – nein, sie „sieht“ da niemanden weiteres mehr. Was sollte ich denn nun sagen?

Natürlich hätte ich versuchen können, ihre Frage mit Hilfe eines dicken Buches oder mit Geschichten daraus zu beantworten. Aber ist es nicht unser aller Bestreben, Dinge immer möglichst rasch beantworten zu können, selbst wenn sie sehr komplex und kompliziert sind? Vielleicht liegt’s daran, dass wir uns keine weiteren Gedanken machen wollen. Aber Gott will, dass wir uns Gedanken über ihn machen. Zu Moses sagte er: Ich bin
der „Ich-bin-der-ich-bin“. Wir können Gott überall suchen und werden ihm überall begegnen. Seine Definition über sich selbst umfasst sein ganzes Wesen und fordert die Menschen auf, sich mit ihm zu befassen. Ganz „einfach“ gesagt: Er ist Gott. Daran ist nicht zu rütteln. Und er steht uns immer zur Seite – wir müssen sein Angebot nur annehmen!

Hilflos fühlte ich mich in der Situation, in der ich dem behinderten Kind die Antwort schuldig blieb. Auch Gott half mir so spontan nicht. Eigentlich hätte ein ganz schlauer Satz auf diese einfache Frage kommen müssen, dachte ich. Oder war vielleicht mein eigener Glaube noch nicht reif genug, um ihn anderen zu erklären? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr begreife ich diesen Satz von Mose, der auch mir gilt: „Ich bin der ich bin“ oder „Ich bin der Ich-bin-da-Gott“ bzw. in diesem Fall: „Ich bin derjenige, der immer bei dir ist, komme was wolle“. Dieses Versprechen gilt seit Jahrtausenden, egal wie sich die Welt verändert hat. Gott erneuert dieses Versprechen täglich neu. Und ich für meinen Teil werde lernen, ihm mehr Vertrauen zu schenken! Denn selbst wenn es mir in der Situation selbst nicht klar war, dass er bei mir war und zu mir sprach, so spüre ich doch, wie er mich zum Nachdenken brachte und zwar sogar so tief, dass ich jetzt in dem Auftrag, einmal einen Text fürs „Angedacht“ zu schreiben, neue Impulse bekomme. Gottes Größe zeigt sich mir in den kleinsten Dingen – und bestimmt hilft er mir dabei auch noch, für dieses behinderte Kind die richtige Antwort auf die Frage zu finden: „Wer ist eigentlich Gott?“

Antonia Wagner, 20, absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr an der Heimsonderschule Haslachmühle