Gott am Bienenstand

Ein Dialog unter Freunden über das ungewöhnliche Wort »Gottessucht« - Angedachtes mal anders
Rainer: Lief mir doch, lieber Bertram, ein Wort über den Weg, das mich elektrisiert hat: GOTTESSUCHT. Ich weiß nicht recht, ob ich mich positiv oder negativ elektrisiert fühle. Was meint denn der Suchttherapeut zu Gottessucht?

Bertram: Spontan sag ich dir: Es ist der beste Stoff, den es für uns Menschen gibt.

Rainer: Ein Stoff, der süchtig macht, ist gut? Ist das dein Ernst?

Bertram: Ja. Ehrlich. Es ist dabei natürlich entscheidend, wovon ich mich abhängig mache. Ich meine das so: Der Süchtige nimmt den Stoff ja nur als Krücke. Er sehnt sich natürlich, wie du und ich auch, nach Erfüllung und tiefer Freude. Nenn es einfach „wirkliche Lust am Leben“ oder auch Ekstase. Warum nicht freiwillig wählen, was wahrhaft inneren Frieden und Freude schenkt? Und sich mit Haut und Haaren diesem verschreiben? Ist da denn was Schlechtes dabei?

Rainer: Nochmals: dass du die Sucht so einfach durchgehen lässt wundert mich. Ich habe mit Hilfe von google eine Sentenz über, die Sehnsucht gefunden – auf die willst du ja hinaus –, die meinen gefühlten Widerspruch in Worte fasst: „Sehnsucht will das Heilige. Wie fremd uns aber das Heilige ist, wie leicht wir es verfehlen, wodurch es uns zugleich auch unzugänglich wird, lässt sich dem Begriff „Sehnsucht“ selbst entnehmen: in seinem „Sucht“-Anteil enthält er die Blockade des Heiligen.“ Ist ein Gott, mit dem wir durch eine Sucht verbunden sind, und sei es eine freiwillige, wie du sagst, noch Gott?

Bertram: Wieso sollte er sich ändern, wenn wir uns nach ihm sehnen? Ich stelle mir das so vor: An unserer Sehnsucht nach ihm kann er doch erst richtig ansetzen, sich uns zu offenbaren. Das Entscheidende ist die Freiheit, zur Abhängigkeit von Gott „Ja“ zu sagen. Das bezeichne ich als wahre Autonomie.

Rainer: Das Bild, dass Sehnsucht die sensible Stelle ist, wo Gott andocken kann, gefällt mir. Aber „Gottessucht“? Du kennst ja meine Liebe zur Schokolade (Toblerone weiß!) – und sie ist nicht einmal die Schlimmste meiner Süchte. Ich tu da etwas wider bessere Einsicht. Ich werde da getan. Ich schlage dir ein bescheideneres, weniger steiles Wort vor als Gottessucht: Gottessuche. Aus „t“ in Sucht wird „e“ in Suche. Du bist doch so ein alter Gottsucher!

Bertram: Ja. Du weißt, dass ich körperlich und seelisch ein Heilungswunder erlebt habe. Es gibt zwei Orte, wo ich ihn immer wieder finde: Im Geschehen am Altar und als leidenschaftlicher Freizeitimker an meinem Bienenstand. An beiden Orten kann ich erleben, wie die Realität der geistigen Welt sich in die Materie verkörpert. Das gibt meinem Leben Halt, Erfüllung.

Rainer: Bertram, deine Bienen bringen mich auf eine Spur: Süchtig nach Gott zu sein geht mir gegen den Strich, die bloße Suche nach ihm ist mir ein wenig zu langweilig. Aber eine leidenschaftliche Beziehung zu ihm zu pflegen, scheint mir sehr angemessen. Da ist Herz drin und Geist und Seele und Vitalität. Und Verstand. Anders gesagt: In allem, was ich mit Leidenschaft tue – beim Sport, im Beruf, in der Beziehung, im Spiel, in der Liturgie – bin ich Gott möglicherweise näher als ich denke. Eins ist mir auf jeden Fall sonnenklar: Im Gegenteil der Leidenschaft, der Langeweile, bin ich ihm auf jeden Fall fern.

Rainer Kössl ist Lehrer am Hör-Sprachzentrum Altshausen. Er diskutierte mit Bertram Zang, Suchttherapeut vom Ringgenhof.