Geschichte ist Geschichtetes

Angedachtes von Landesbischo Frank Otfried July - Predigt aus Anlass der Feierlichkeiten zu "175 Jahre Diakonie Wilhelmsdorf"
Predigttext: Jesaja 61, 1+2: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden.“

Auf schwankendem Boden wurde Wilhelmsdorf gegründet.

Ansiedlungen haben ja in der Regel ihren Grund darin, dass die Menschen Bodenschätze für sich in Besitz nehmen wollten – in meiner früheren Heimat Schwäbisch Hall war es das Salz. Oder sie fanden einen Berg, einen Felsen, auf dem sie sich sicher fühlen konnten vor einer feindlichen Umgebung. Oder sie ließen sich an einem Fluss nieder, am besten an einer Furt. Da gab es genug Wasser und daneben fruchtbares Land, das Segen und also Wachstum und Gedeihen verhieß. Das Materielle hat immer den Ausschlag gegeben: Hier, an diesem Ort haben wir eine Lebensgrundlage!

Wilhelmsdorf aber wurde auf einem sichtbar schwankenden Boden gegründet. Jedoch, die zehn Familien, die damals siedelten, hatten noch einen anderen, unsichtbaren Grund. Das war ein geistiger, besser gesagt, ein geistlicher. Dieser andere Grund war der, den niemand legen kann als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1 Kor 3,11) Ein weitsichtiger Landesherr hat diese tüchtigen Leute im Land gehalten, die bereit waren, um der Freiheit des Evangeliums willen die äußere Heimat preiszugeben.

Was können wir heute Besseres tun als uns zu erinnern an jene Anfänge, als Menschen angepackt haben aus einem geistlichen Wollen heraus? In unseren Tagen, da der Boden in unserem Land auf viele Weise schwankend geworden ist – materiell und geistig! Da tut es Not, dass wir tiefer schauen in unsere Geschichte und ein Fest feiern, dass vor 175 Jahren Menschen etwas gewagt haben aus dem Glauben heraus. Wenn wir dieses Fest feiern und zurück schauen, dann wollen wir Gott zuerst danken für alles, was bis hierher an Segen geschehen durfte; was aus dem Unsichtbaren, Geistlichen der Anfänge ins Sichtbare, Materielle gehoben worden ist über Generationen: für Menschen und in Jesu Namen und mit einem langen Atem beschenkt. Wir wollen bei diesem Fest Gott bitten, dass er uns aufs Neue fest macht, die wir auf schwankendem Boden unterwegs sind, auch wenn der Sumpf vom Anfang längst trocken gelegt worden ist.

Unsere Geschichte ist Geschichtetes. Und so schauen wir heute auf die vielen Schichten, die Generationen vor uns aufgebaut haben. Der Boden hat sich dadurch verändert. Was zu Beginn zehn Pioniere unternommenen hatten, was 1830 zur Gründung einer „Rettungsanstalt armer und verwahrloster Kinder“ geführt hatte, ist bis heute im Wortsinne ein „Unternehmen“ geworden. Sichtbar ganz anders als damals; aber vom gleichen biblischen Grund getragen. Unternehmensdiakonie, die unter den heutigen Bedingungen, auf der heutigen Schichtung des Bodens gebaut ist, braucht sich nicht zu verstecken: Nicht nur, weil sie mit hoher Kompetenz Menschen beisteht, sondern auch, weil sie in der Tiefe von einer geistlichen Kraft lebt, die der Kraft vergleichbar ist, die in den Pionieren wirkte.

Wenn wir die heutigen Bedingungen der Diakonie anders wahrnehmen, ist es dennoch entscheidend, dass wir immer wieder auf den Anfang schauen. Wir arbeiten heute aus gutem Grund mit Tarifverträgen, die Gehalt, Urlaub und eine verlässliche Lebensplanung sichern. Aber unsere Liebestätigkeit wird nur dann den langen Atem der Vorfahren behalten, wenn wir einen Mehrwert für die kranken und bedürftigen Menschen erbringen. Wo Christen tätig sind, haben sie über den Beruf hinaus immer noch eine Berufung. Damit hat es damals begonnen, nicht anders werden wir in die Zukunft gehen können, soll das Werk bestehen.

Von dieser Berufung spricht unser heutiger Predigttext aus dem Prophetenbuch von Jesaja (61, 1+2): „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat ...“ Alles beginnt damit, dass wir den Ruf Gottes vernehmen. „Der Sumpf wurde entwässert und in Wihelmsdorfs Mitte entstand der Betsaal.“ So steht es in einer Beschreibung aus den Anfängen. In der Mitte der Betsaal. Das ist ein Symbol für das ganze Werk: Ehe wir anfangen, die Dinge in die Hand zu nehmen um sie um zu verbessern, legen wir alles aus der Hand, falten die Hände zum Zeichen, dass wir zuerst ganz hören wollen. Wir fragen nach Gott und bitten um Antwort. Im Hören auf ihn vernehmen wir seinen Ruf. Nicht jeder und nicht jede hat die gleiche Berufung. Es sind vielerlei Gaben, und gebraucht werden alle. Wir bitten um Antwort von Gott her, und nur ihm Hören werden wir gewahr, welche Verantwortung er uns anvertraut – oder auferlegt. In der Mitte der Betsaal. Das Gebet am Anfang.

In unserem Predigttext hören wir, wie Gott beruft und sendet. Nicht irgendwie und irgendwohin, eben nicht: „Brüder, überm Sternenzelt, muss ein lieber Vater wohnen.“ Vielmehr hat die Sendung von Gott her eine eigene Beschaffenheit: „…gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen ...“

Von Anfang des Glaubens an geht der Weg Gottes in die Diakonie. Es gibt keinen Glauben, der nicht in den Dienst führt. Diakonie ist nicht Zierrat der Kirche, nicht Begründung, warum man die Leute noch in der Kirche halten kann. Diakonie, Dienen ist unverzichtbares Kennzeichen für einen gläubigen Menschen und darum auch für die Gesamtheit aller Gläubigen, für die Kirche. Wir sind so frei, dienen zu können! Warum? Es ist ja eindrücklich, wie unser Predigttext von Jesus aufgenommen und auf ihn selbst angewendet wird. In der Schriftlesung aus dem Lukasevangelium haben wir gehört, wie Jesus diesen prophetischen Ruf aufgenommen hat. Jesus, der Gesalbte des Herrn; Jesus, der Christus, der Ersehnte, in dem die neue Welt Gottes, die neue, geheilte Schöpfung anbricht. Auf seinen Namen sind wir getauft, nach ihm werden wir Christen genannt. Wir nennen uns von der Bibel her Glieder des Leibes Christi; vielfältig und verschieden, haben aber gemeinsam ein Haupt. Und das ist Christus. Wir sind Teil dieses Christusleibes und haben genau deshalb an dieser ungeheuren Berufung Anteil, von der unser Predigttext und die Schriftlesung sprechen.

Wenn wir also in Christus bleiben, dann bleibt uns Boden unter den Füßen. Diese Einsicht führt in zwei Richtungen. Wenn wir Menschen in ihrem Elend helfen, dann brauchen wir die äußere Qualifizierung. Wer in einer Sucht gefangen ist, braucht geschulte Menschen, die helfen. Wer ein zerbrochenes Herz in die Verantwortung gelegt bekommt, braucht eine hohe Befähigung. Sie sind Expertinnen und Experten, sagen Sie aus zu recht in Ihrem Leitbild.

Wo und wie immer wir aber Menschen helfen, darf es nie daran fehlen, dass wir Ihnen auch von dem Lebenssinn sagen, der uns trägt, von dem wir glauben, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das darf, wie ich meine, im Leitbild einer diakonischen Einrichtung auch so explizit stehen. Wo das fehlt, haben wir den Grund noch nicht gefunden. Wenn wir in Christus bleiben, können wir diesen festen Boden anderen zeigen. Diese Einsicht aber geht auch uns selber an. Walter Schmidbauer hat vor Jahren das Bild vom hilflosen Helfer gezeichnet, der durch sein Helfen sich selber retten will vom eigenen dünnen Eis, auf dem er lebt und arbeitet – und irgendwann einbricht. Im Blick auf Christus aber erkennen wir, dass wir auch nicht im Helfen unser eigenes Leben sanieren, und seien wir noch so unermüdlich tätig. Wir leben von einem Grund, den wir uns nicht selber geben können. Fehler, Versagen gehören dazu. Auch Helfer dürfen einmal müde sein und von andern Hilfe annehmen. Auch im besten Leben fügen wir jenseits von Eden doch nur Bruchstücke aneinander; bei andern ebenso wie bei uns selber. Christenleute können darum auch frei sein von einer ständigen und auf die Dauer zerstörerischen Selbstüberforderung, die uns zu Gebundenen machen will. Von Christus her wissen wir auch um die Vergebung und die Möglichkeit neu anzufangen. Dieser Glaube befähigt uns zu einem diakonischen Leben.

„In Wilhelmsdorfs Mitte entstand der Betsaal“. Hier haben Generationen von Hilfsbedürftigen und Helfende ihren Grund und ihre tragende Mitte gefunden. Heute, zum Fest des Jubiläums sind wir hier um uns neu zu befestigen lassen für unser Tun und für unser Lassen. Wir wollen heute um den Geist des Herrn neu bitten, damit wir weitergehen können durch diese Zeit bis wir daheim sind in Ewigkeit. – Amen.