Fröhliche Weihnachten?

Angedachtes von Stefan Geiger
Ich habe lange überlegt, wie ich diese Andacht gestalten soll. Jetzt weiß ich es: ich will einfach ehrlich sein. Früher habe ich Besinnungen gerne gemacht. Es hat mir Spaß gemacht, etwas vorzubereiten, mir Gedanken zu machen. Das hat sich geändert, es fällt mir von Mal zu Mal schwerer. Warum?

»Fröhliche Weihnachten« bekommt man überall zu hören. Doch was heißt hier »fröhlich«? Noch bevor Weihnachten ist, wird es einem schon versaut. So kommt es mir vor. Da brüllt es Weihnachtslieder aus allen Ecken der Kaufhäuser, da herrscht ein Kauf- und Schenkzwang: »Was soll ich nur dem und jenem schenken?« Da wird die »besinnliche« Zeit zur hektischsten des Jahres. Von Weihnachtsstimmung keine Spur. Die Weihnachtsmärkte sind kommerziell, es geht nur ums liebe Geld. Was hat das noch mit Weihnachten zu tun? Nichts – aber wir haben uns scheinbar daran gewöhnt.

Dann: Es soll Harmonie herrschen. Welch ein Quatsch! Das ist doch einfach nicht wahr: Am Heiligen Abend gibt es die höchste Selbstmordrate der 13- bis 18-Jährigen in Deutschland. Am Heiligen Abend kracht es in unzähligen Familien, der Streit ist vorprogrammiert.

Fröhliche Weihnachten. Letztes Jahr war ich in einer der drei Kliniken, in deren Ambulanzen ich arbeite. Da wurde ich in die Onkologie gerufen. Dort lag ein 11-Jähriger, der vor einigen Wochen einfach ohnmächtig zusammengebrochen war. Diagnose: ein großer, sehr aggressiver Hirntumor und überall Metastasen im Körper. Er kann sich nicht mehr bewegen, nicht mehr reden, muss beatmet werden. Seit dem Tag davor weiß er, was Sache ist: Dieses Weihnachten ist sein letztes. Das nächste Weihnachten wird er nicht mehr erleben. Fröhliche Weihnachten? Er ist kurz danach entlassen worden – in ein Kinderhospiz. Mich hat das mitgenommen: Wie soll so ein Junge Weihnachten »feiern«?

Ich will Weihnachten nicht schlecht reden. Aber ich will auch nicht oberflächlich so tun, als wäre es die heile Welt. Mich macht Weihnachten kirre. Was machen wir da? Was stimmt da nicht? Und wenn ich so darüber nachdenke, stelle ich fest: Dieses Kirre-Sein, das spiegelt die Zeit damals, als Jesus geboren wurde, auch wider.

Das war keine Zeit mit Glanz und Gloria. Jesus wurde ärmlich in einem primitiven Stall geboren. Niemand hat Notiz davon genommen, außer den komischen, von der Gesellschaft abgestempelten Hirten. Alles war im Umbruch und nichts normal. Und dieser Typ, genannt der Messias, kümmerte sich ausgerechnet um die, die abgelehnt wurden, die niemand haben wollte, die nicht in die Gesellschaft passten. Und nicht um die Superfrommen, die Spießer, die Bedenkenträger. Komisch. Hat die Geschichte Jesu vielleicht doch mehr mit uns zu tun, als uns lieb ist?

Stefan Geiger ist Therapeut und Seelsorger im Martinshaus Kleintobel, der Jugendhilfeeinrichtung der Zieglerschen. Diese Andacht hielt er im Weihnachtsgottesdienst des Martinshauses.