"Eine Andacht ist ein Witz dagegen"

Angedachtes von Rainer Kössl.
Pardon für diese Überschrift, ich möchte keines Frommen Intimsphäre verletzen. Ich möchte eine wahre Geschichte erzählen. Besagte Headline war in Wirklichkeit noch viel drastischer formuliert.

Also. Eine Klasse unserer Schule in Altshausen geht mit ihren Lehrern ins Hochgebirge (Wiesbadener Hütte, Piz Buin, Ochsentalgletscher). Unter den Lehrern ein Kollege, der schon einige 8000-er erklettert hat – und 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben noch nie einen Berg bestiegen. Entsprechend anstrengend sind die ersten 500 Höhenmeter, die mit Rucksack zu bewältigen sind. Am zweiten Tag stellt sich heraus, dass die Gletschertour, die für den dritten Tag geplant war, so nicht zu machen ist. Die allgemeine Klimaerwärmung hat den Gletscher und damit die Wegverhältnisse drastisch verändert.

Bevor ich jetzt weitererzähle muss ich eine scheinbar nebensächliche Episode einschieben. Einer der teilnehmenden Lehrer ist Religionslehrer. Er entdeckt bei der Hütte eine kleine Marienkapelle. Sein Vorschlag, dort eine Andacht, eine Meditation, einen Gottesdienst „zu machen“, fällt bei den Teilnehmern glatt und sauber durch. Ich verweise auf das Verb „machen“. Es wird noch von Bedeutung sein.

Zurück zur ausgefallenen Gletscherwanderung. Der Lehrer – Bergführer – hat eine Idee: Er schlägt die „Erstbesteigung“ eines Berges vor, der zudem noch keinen Namen habe. Und natürlich noch kein Gipfelkreuz. Die Kids zimmern am Abend davor mit einfachsten Mitteln ein Kreuz. Allen voran Hubert, der sich in der Schule ansonsten religiös sehr uninteressiert zeigt. Ein Schulkamerad von ihm trägt das Kreuz am anderen Tag 250 Höhenmeter hoch. Helfen lässt er sich nicht. Im Sattel unter dem Gipfel wird ein Name für den Berg gefunden und auf das Kreuz geschrieben: „Piz 6 R“. Piz für den großen Nachbarn Piz Buin. 6 R für die Erstbesteigerklasse.

Zwanzig Meter unter dem Gipfel hält die Truppe an und beschließt, sich im Halbkreis der Spitze zu nähern. Keiner soll der Sieger sein. Und so geschieht es: Hand in Hand nähern sich 17 Schülerinnen und Schüler und Lehrerin und Lehrer der Spitze des Piz 6 R. Um gemeinsam oben zu stehen.

Und dann fällt der besagte Satz: „Eine Andacht ist ...“

Hier wurde nichts „gemacht“, künstlich, gewollt, religiös. Und dennoch war der Himmel nahe. In 2701 Metern Höhe. Auf dem Piz 6 R. Am 26. Juli 2006.