Die Liebe Gottes und ein Klumpen trockenes Brot

Angedachtes von Pfarrer Heiko Bräuning
■ Als der Geheime Medizinalrat Breitenbach gestorben war, begannen seine Söhne, den Nachlass zu ordnen. In einer gläsernen Vitrine, die der alte Arzt wie ein Heiligtum gehütet hatte, fanden sie neben anderen Kostbarkeiten und Erinnerungsstücken ein merkwürdiges Gebilde: einen grauen, verschrumpelten und knochenharten Klumpen – ein vertrocknetes Stück Brot.

Ratlos befragten sie die alte Haushälterin. Die erzählte: In den Hungerjahren nach dem Weltkrieg hatte der Arzt einmal schwer krank darniedergelegen. Zu der akuten Erkrankung war ein allgemeiner Erschöpfungszustand gekommen. Kräftige Kost war nötig – aber rar. Da schickte ein Bekannter ein halbes Brot. Gutes, vollwertiges Schrotbrot, das er selbst von einem befreundeten Ausländer erhalten hatte.

Zu der Zeit war gerade im Nachbarhaus die kleine Tochter des Lehrers krank. Der Medizinalrat schickte darum das Brot, ohne selbst davon zu essen, den Lehrersleuten hinüber. Aber auch diese wollten das Brot nicht behalten. Die alte Witwe drüben unter dem Dach im Notquartier brauchte es bestimmt notwendiger. Die gab es an ihre Tochter mit den beiden Kindern in der kümmerlichen Kellerwohnung weiter. Die erinnerte sich an den kranken Medizinalrat, der kürzlich einen ihrer Buben behandelt hatte, ohne etwas dafür zu verlangen.

»Wir haben es sogleich wiedererkannt«, schloss die Haushälterin, »an der Marke, die auf dem Boden des Brotes klebte und ein buntes Bildchen zeigte.« Als der Medizinalrat sein eigenes Brot wieder in den Händen hielt, da war er maßlos erschüttert und hat gesagt: »Solange noch die Liebe unter uns ist, die ihr letztes Stück Brot teilt, solange habe ich keine Furcht um uns alle … Dieses Brot hat viele Menschen sattgemacht, ohne dass ein Einziger davon gegessen hätte.«

Diese Geschichte macht greifbar, welche Kraft die Liebe hat: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.« (Römer 5,5) Und diese Liebe ist spürbar in unseren vier Wänden: es weht dieser gute, liebevolle Geist. Nein, unsere Häuser sind nicht grauer Beton, es ist vielmehr Wohnraum für den guten Geist Gottes. Aber der Geist sprengt auch manchen Raum und Rahmen. Denn diese Liebe wird erlebbar durch unsere Herzenseinstellung über alle Grenzen hinweg: Wir behalten, was wir haben, nicht nur für uns, sondern geben anderen Anteil daran – damit was bleibt!

Und so geschieht einmal mehr, und mitten unter uns, im Hier und Heute ein Wunder: eine Speisung der Tausende – dreitausend Mitarbeitende und über sechstausend uns anvertraute Menschen – sie werden satt.

Dieses Wunder wünsche ich uns allen immer wieder,