Die Armen sind Gottes Lieblinge

Angedachtes von Katharina Stohr
■ »Bis du kommst in Herrlichkeit« tönt es fast einstimmig durch die kleine Kirche. »Bis du kommst in Herrlichkeit«. Eine einzelne Stimme folgt im Echo hinterher. Männlich. Stockend. Knorrig. Monoton. Hartnäckig. Überzeugt. Und laut.

Gottesdienst in einer österreichischen Klosterkirche. Sonnenstrahlen des zaghaften Frühsommers schleichen durch die bunten Kirchenfenster, erreichen ihr Ziel und begegnen der hellgrünen Jacke eines Mannes. Nennen wir ihn Thomas. Thomas ist vielleicht 45 Jahre alt, schlank und 1,90 Meter groß. Er sitzt kerzengerade in der Kirchenbank und lauscht aufmerksam den Worten des Paters, der vorne steht und predigt.

Es ist Dreifaltigkeitssonntag. Der Pater malt mit seinen Worten ein gleichschenkliges Dreieck in den Altarraum – die Spitze zeigt nach oben, so wie es auf vielen barocken oder klassizistischen Altären zu finden ist. Er will damit die abstrakte Vorstellung der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist auflösen. Thomas bewegt seinen Oberkörper nach vorne.

»Gängig ist, dass der Vater oben an der Spitze des Dreiecks steht, der Sohn links unten an der Ecke und der heilige Geist rechts unten.« »Sohn links unten«, wiederholt Thomas. Laut und zeitversetzt. Knorrig. Überzeugt. »Wir aber sollten umdenken«, setzt der Pater fort »und das Dreieck zuerst einmal umdrehen, damit die Spitze nach unten zeigt«. »Hmmm«, Thomas umfasst mit der linken Hand sein Kinn. »Hmmm«. »Stellen Sie sich einmal den Vater in der Ecke links oben, den Heiligen Geist rechts oben und den Sohn unten in der Spitze vor.« »Sohn unten«, tönt es laut durch die Kirche. Und dann etwas hektischer: »Sohn unten«.

Mit begeistertem Gesicht verfolgt der weißhaarige Pater seine These weiter: »Der Sohn wandert von der Spitze aus auf einer Linie zu uns Menschen nach unten, kommt zu allen Menschen auf der ganzen Welt und holt uns auf dieser Linie mitten ins Herz der Dreifaltigkeit: Das ist Erlösungsgeschehen.« Thomas legt seine Hände auf die Oberschenkel, bewegt sie Richtung Knie und räuspert sich. »In Christus hat sich Gott den Menschen und der Welt geöffnet, mit dem Ziel, sie in die Mitte seines Lebens und seiner Liebe hereinzuholen: in die Herzmitte Gottes, in den Liebesraum der Dreifaltigkeit.«

»Seiner Liebe«, bricht es aus Thomas heraus. Schneller als vorher setzt er nochmals an: »Seiner Liebe«. Thomas fährt erregt fort: »so lieb hat Gott uns«. Monoton und stockend spricht er diese Worte. »So lieb hat Gott uns«, die Worte hallen durch die Kirche, »So lieb hat Gott uns«, Thomas wird lauter. »So lieb hat Gott uns.« Hartnäckiger: »So lieb hat Gott uns.«

Vorne erläutert der Pater, dass sich Gott durch den Liebesraum unter uns Menschen hebt, Jesus arm wird, im Stall zur Welt kommt und seinen Tod am Kreuze findet. »Die Armen sind Gottes Lieblinge, denn diese Menschen stehen mit offenen und erwartenden Händen da und können empfangen und sich beschenken lassen.« Thomas hebt seinen Kopf höher. »Nehmen Sie diese Botschaft als Herausforderung an, die Armen in unsere Mitte zu holen und die Liebe, die uns Gott von seiner Herzmitte anbietet, wieder konkret werden zu lassen.« Thomas sitzt unbewegt in der Bank. »Hmm«. »Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich «, dringt von vorne durch. Und noch einmal ertönt ganz leise aus der Kirchenbank. »Hmm.«