Christus und die Morgenfrau

Angedachtes von Uwe Scherrer
Wer morgens auf der Hauptstraße durch Wilhelmsdorf fährt, sei es zur Arbeit, in die Schule oder auf einen Besuch, dem bietet sich ein ganz besonderes Bild. Unsere behinderten Bewohner ziehen in kleinen Gruppen, teils gehend, teils hüpfend, humpelnd oder rollend von den Wohngruppen zu ihrem Arbeits-, Therapie- oder Beschäftigungsangebot hier bei uns in Wilhelmsdorf. Stets mit dabei ist eine Morgenfrau oder ein Praktikant aus Deutschland, Osteuropa oder Kenia in Afrika. Im Titelthema dieser Ausgabe wird übrigens auch eine alevitische Morgenfrau bei den Zieglerschen vorgestellt.

Für »uns Wilhelmsdorfer« ist diese Szene Alltag und gehört mithin zu unserem Dorfbild dazu. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich diese Szene zum ersten Mal sah. Damals war das für mich alles andere als gewöhnlich!

Überrascht hat mich, mit welchem Ausdruck die verschiedenen Menschen ihrem Tagwerk entgegengingen. Die Gesichter zeigten – ganz unverborgen – die Stimmung jedes Einzelnen an. Ich sah Freude, Mühe, Ärger, Spannung oder einfach eine »Morgen-Trägheit«; es war als betrachte man die Aspekte, die ich manchmal auch selbst mit zur Arbeit bringe. Die Frage des Morgens lautete dann auch: In welcher Stimmung werde ich wohl heute mein eigenes Tagwerk beginnen?

Noch mehr beeindruckt war ich freilich von der Morgenfrau! Diese Frau geht nie allein! Sie schiebt einen Rollstuhl vor sich her oder hält an ihrer freien Hand einen von denen, die vielleicht gerade heute ganz individuelle Zuwendung benötigen.

Es gibt im Alltag viele Bilder, die einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens ganz unmittelbar verdeutlichen. Das Bild der Morgenfrau ist für mich ein sehr handfestes Beispiel!

Christus ist für mich wie eine Morgenfrau. An seiner Hand fühle ich mich sicher, auch wenn manchmal nichts mehr geht und ich humpelnd aus dem »letzten Loch« pfeife. Dieser Christus ist ein ganz handfester. Einer, der sich kümmert, und mir auch mal den Weg zeigt.

Gerade in der Adventszeit wird mir bewusst, wie sehr ich diese Zusage benötige. Je dunkler und kälter es draußen wird, desto heller und wärmer soll es in mir drinnen scheinen. Ich sehe dann vieles bewusster und nehme die Welt um mich herum intensiver wahr. Diese Welt ist nicht heiler als sonst! Ich selbst bin heiler als sonst. Diese Erfahrung macht mich ruhig und dankbar. Mir fallen die Worte des alten Simeon ein, als er den neugeborenen Jesus sieht und seinen inneren Frieden macht: »Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das Du mir bereitet hast.« (Lukas 3,20)

Solange es in den Straßen von Wilhelmsdorf und in all den anderen Orten Spuren der »Morgenfrau« gibt, ist mir um unsere Welt nicht bange. Im Gegenteil, ich frage mich: Wo kann ich selbst anderen eine Morgenfrau sein?

In der Adventszeit bereiten wir uns vor und werden »wesentlich«. Wir schauen ab von uns selbst und werden aufmerksam für den Menschen neben uns. Wir fangen an »unser Herz am rechten Fleck« zu tragen, wie eine Morgenfrau eben!