Beziehung heißt das Zauberwort

Angedachtes von Christof Lotthammer
Martin Buber machte in seinen Schriften immer wieder darauf aufmerksam, dass der Mensch erst in seiner Beziehung zu anderen Menschen zum Mensch wird, dass das Besondere am Menschsein seine Beziehungsfähigkeit und seine Beziehungsbedürftigkeit sind.

In der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung wird dies zunehmend ignoriert. Flexibilität ist gefragt, die Bedeutungstabiler Beziehungen gerät immer weiter in den Hintergrund. Und auch im Sozialen rückt im Zuge der Ökonomisierung der sozialen Arbeit und in dem Versuch, soziale Arbeit messbar, quantifizierbar und überprüfbar zu gestalten, Beziehungsarbeit immer weiter in den Hintergrund. Doch noch so ausgeklügelte Hilfepläne mit differenzierten Zielen und abgestuften Vorgehensweisen können die Beziehungsarbeit letztlich nicht ersetzen.

Beziehung, sie steht am Anfang. Zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Gott. Die Identität des Einzelnen ist existentiell auf den Dialog mit anderen angewiesen. Aktuell und altmodisch, egal: Ohne Beziehung läuft nichts, auch nicht in unserer Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung.

Den Menschen, denen wir diese Beziehung anbieten und sie mit ihnen gestalten, das sind Menschen mit besonderen Erfahrungen im Kontext ihrer ganz persönlichen Biografie. Immer häufiger stellen wir dabei fest, dass zu der geistigen Behinderung eine psychische Störung hinzukommt. Öfters, intensiver, manchmal auch diffuser suchen sie Nähe und Geborgenheit und Anerkennung. Öfters als andere sind sie aber auch nicht selten enttäuscht worden, betrogen, verletzt, verlassen, missachtet, ungeliebt geblieben, mit zu wenig Vertrauen ausgestattet, mit zu viel Ablehnung großgeworden.

Dies alles macht die Beziehungsarbeit gewiss nicht einfacher. Mit viel Respekt und Hochachtung nehme ich daher wahr, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von uns dennoch über Jahrzehnte hinweg in großer Treue, Liebe und Hingabe diese Arbeit gestalten. Sie zeichnen sich durch Geduld und einen langen Atem aus. Es ist gewiss nicht leicht, trotz oft massiver Gewalt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am eigenen Leib erfahren, trotz der täglichen Auseinandersetzungen mit Phänomenen wie Kotschmieren oder autoaggressivem Verhalten, dieser Beziehungsarbeit treu zu bleiben. Die Begegnung mit den uns anvertrauten Menschen ist nicht selten verunsichernd, macht ratlos, ist atemberaubend und treibt uns bisweilen an den Punkt, an dem kein klarer Gedanke mehr zu fassen ist.

Dieser Treue und dem Engagement unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen wir unseren ganzen Respekt entgegenbringen. Dieses Engagement ist jedoch nur möglich, wenn es ausreichend Unterstützung und Anerkennung erfährt, wenn die eigenen Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu kurz kommen.

Im Wandel gesellschaftlicher Paradigmen und ökonomischer Bedingungen haben wir daher die große Verantwortung, uns damit zu befassen, wie wir die Beziehungsqualität unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das eigentliche Kapital unserer Einrichtung darstellt, weiterhin erhalten, entwickeln und fördern können.

Christof Lotthammer ist Sozialdiakon in der Behindertenhilfe der Zieglerschen.