21.07.2009
Jugendsuchttherapie JUST startet in die zweite Projektphase
Erste Zwischenbilanz bestätigt landesweit einzigartiges Hilfemodell für suchtkranke Jugendliche

Das Modell der Jugendsuchttherapie JUST in Ravensburg ist landesweit einzigartig. Schwer suchtkranke und erziehungsbedürftige Jugendliche finden hier nachhaltige Hilfe, um dauerhaft abstinent zu bleiben. Foto: Rolf Schultes
Für schwer suchtkranke und erziehungsbedürftige Jugendliche endet der Hürdenlauf in ein abstinentes und alltägliches Leben noch lange nicht, wenn sie von Alkohol, Drogen oder Medikamenten entgiftet sind und einen erfolgreichen Entzug hinter sich haben. Seit 20 Monaten bietet die Jugendsuchttherapie JUST in Ravensburg mit bislang 16 stationären Plätzen Langzeithilfe für betroffene Jugendliche, indem sie mehrere Fachdisziplinen vereint: Suchtkrankenhilfe, Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie befinden sich unter einem Dach, dem des Rahlenhofs. Vor wenigen Tagen haben das Landesjugendamt, die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Deutsche Rentenversicherung gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg JUST mit der zweiten Projektphase beauftragt.
Martin Schumacher, Projektleiter bei JUST, freut sich, dass dieses einzigartige Hilfemodell im Land mindestens bis zum 31. Dezember 2012 fortbestehen kann. „Jugendliche, die entgiftet und motiviert sind, brauchen ein nachhaltiges Folgeangebot“, sagt er. Bei suchtkranken Jugendlichen müssten die altersgemäßen Entwicklungen berücksichtigt werden. Das könne keine Erwachsenentherapie leisten. „Wir sind hier 24 Stunden am Tag mit pädagogischem Personal besetzt“, sagt er und erklärt, dass Jugendliche oft noch gar nicht verstehen würden, was Sucht für sie persönlich heißt und womit diese letztendlich zusammenhängt. Demgegenüber stehe die unglaublich hohe Anforderung einer Suchttherapie. „Ein Erwachsener, der zweimal rückfällig wird, fliegt bei einer Suchttherapie sofort raus. Mit einem rückfälligen Jugendlichen muss man anders umgehen.“ Das Hauptziel von JUST ist hochgesteckt: die Jugendlichen sollen in ein selbständiges, suchtmittelfreies Leben finden und dort dauerhaft Fuß fassen.
Fachleute der JUST GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg und der Zieglerschen in Wilhelmsdorf, haben nun erstmals Bilanz gezogen. „Die Erfolge in Hinsicht auf erreichte Schulabschlüsse und das Wiederaufnehmen einer geregelten Tätigkeit im Alltag sind überzeugend“, heißt es im Zwischenbericht. Maßgebende Pfeiler, die dazu beitragen, sind der strukturiert gelebte Alltag, die Schule im Haus, Kooperationen mit anderen Schulen, Ergotherapie, Gruppentherapie, gemeinsame Esszeiten und Freizeitangebote – begleitet von Fachleuten aus Erziehungshilfe, Sucht und Psychiatrie. Grundlage ist ein vierphasiges Modell während des meist neunmonatigen Aufenthaltes, das den Jugendlichen schrittweise mehr Freiheiten lässt, wenn sie sich an die Vereinbarungen halten, die sie selbst mit den Therapeuten getroffen haben.
Die Idee zu JUST entstand bereits vor 10 Jahren, als die Drogenentzugsstation clean.kick am ZfP Weissenau geplant wurde. Schon damals war klar, dass nach dem Entzug für einige besonders betroffene Jugendliche eine festigende Therapie hinzukommen musste. Doch es gab Hürden zu überwinden: „Es ist ein neuzeitliches Problem, dass Jugendliche so früh abhängig sind“, sagt Martin Schumacher. „Diese Jugendlichen treffen bisher auf eine unklare Rechtslage“. Die Betroffenen hätten Ansprüche auf Jugendhilfe, Suchtbehandlung im Krankenhaus aber auch auf Rehabilitationsleistungen, für die üblicherweise die Rentenversicherung zuständig sei. Hier beginne das Problem, denn kaum ein Jugendlicher habe vor Therapieantritt in die Rentenkasse eingezahlt. Dass JUST im November 2007 dennoch starten konnte, ist dem außergewöhnlichen Finanzierungsmodell zu verdanken: Jugendhilfe, Krankenkassen und die Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg haben sich in der ersten Projektphase die anfallenden Behandlungskosten geteilt. Wie bedeutend dieser Schritt war, zeigte sich auch daran, dass Sozialministerin Dr. Monika Stolz höchstpersönlich nach Ravensburg kam, um den Startschuss für das Projekt zu geben.
Weitere Infos unter www.jugendsuchttherapie.de
Katharina Stohr

