22.07.2009
Der nirgendwo lange bleiben konnte
Alkohol, Drogen und jede Menge Probleme: ein junger Mann schaut auf zehn Monate Jugendsuchttherapie JUST in Ravensburg zurück

Seit zehn Monaten ist Markus, 18, auf dem Rahlenhof in Ravensburg, wo landesweit ein einzigartiges Modell zur Jugendsuchttherapie angeboten wird. Er will dauerhaft abstinent von Alkohol und Drogen bleiben und im alltäglichen Leben Fuß fassen. Foto: Katharina Stohr
Hier, das ist bei JUST auf dem Rahlenhof, einem ehemaligen Gutshof mit großzügigem Blick auf Ravensburg. Die fragenden Menschen, das sind Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Ergotherapeuten und Ärzte. Vor 20 Monaten trat das landesweit einzigartige Modell für Jugendsuchttherapie mit dem Namen JUST in die Startlöcher. Schwer suchtkranke und erziehungsbedürftige Jugendliche, die einen Entzug von Alkohol, Drogen und anderen Stoffen hinter sich haben, finden hier Hilfe. Hilfe, um dauerhaft abstinent zu bleiben und um den Platz im Leben zu finden. Das sind auch Ziele von Markus, dessen Name für den Beitrag geändert wurde.
Seit zehn Monaten ist er hier und belegt einen von 16 vollstationären Plätzen. Erfahren hat er von JUST, als er auf der Drogenentzugsstation clean.kick des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) in Weissenau entgiftet wurde. Die Beine weit von sich gestreckt, erzählt er von seiner Suchtkarriere. Alkohol – am Anfang wollte er nur ausprobieren. Damals, mit zwölf. „Irgendwann war Alkohol trinken auch am Wochenende normal, dann kam der erste Vollrausch, auch unter der Woche. Ich war oft mit älteren Freunden unterwegs. In Bars und Clubs kam ich dadurch auch an Amphetamine ran, ab und zu an Ecstasy. Der viele Alkohol hat mich immer sehr müde gemacht.“ Kurz hält er inne und beginnt spitzbübisch zu grinsen: „Dann habe ich einfach eine Nase reingezogen, damit ich nicht einschlafe.“ Als „Mischkonsum“ bezeichnet er das und lässt noch das Wort „Marihuana“ fallen.
„Nach vier oder fünf Monaten bei JUST war zum ersten Mal für mich die Entscheidung da: Ich will aufhören. Das war am Anfang nicht so, ich wollte hier einfach neun Monate wohnen und den guten Willen zeigen.“ Alternativ stand ihm ein Wohnangebot in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim zur Verfügung. Denn mit 17 Jahren wurden ihm zwei Jahre Jugendstrafe ohne Bewährung aufgebrummt. Der Sozialarbeiter im Gefängnis half ihm, das Modell „Therapie statt Strafe“ bei Gericht durchzusetzen. Er konnte nachweisen, dass die Straftaten mit seiner Sucht zusammenhingen. So kam er zu clean.kick. Sein erster Aufenthalt dort dauerte fünf Wochen. Dann flog er raus und landete wieder im Knast. Der zweite Anlauf bei clean.kick glückte. JUST folgte.
Graue Wolken über dem Rahlenhof lassen die gelbe Fassade des herrschaftlichen Anwesens etwas gedämpft erscheinen. Markus erzählt, wie er sich gefühlt hat, als er das erste Mal vor dem Gebäude stand: „Es war aufregend. Man sieht, das ist etwas Neues.“ Schwer fiel ihm damals die Vorstellung, neun bis zehn Monate hier zu sein: „Gerade für mich, der nirgendwo lange war.“ Was ihn dennoch hier gehalten hat? „Es ist immer jemand da, wenn man Hilfe braucht. Wenn man Mist baut oder rückfällig wird, wird man nicht gleich entlassen sondern das wird dann mit einem aufgearbeitet.“
Ein Rahlenhof-Tag steht für strukturiertes Leben. Vormittags führt der Weg zur Schule, Ergotherapie oder Arbeit, nachmittags stehen Therapien auf dem Plan. Dazwischen gibt’s gemeinsames Essen, Ruhepausen und Freizeitaktivitäten. Außerdem sind da die Pflichten: „Jeder übernimmt Arbeiten wie Esstisch decken oder Essen auf- und abtragen, das wechselt von Woche zu Woche“, sagt Markus und erklärt, dass die Jugendlichen während ihres meist neunmonatigen Aufenthaltes bei JUST vier aufeinander gebaute Phasen durchlaufen. Diese lassen, langsam beginnend, zunehmende Freiheiten zu. Mehr Freiheit bekommt, wer sich an Regeln hält und mitarbeitet. Markus, der seine Therapie hier bald beendet und im September ins Betreute Jugendwohnen wechseln will, befindet sich in der dunkelgrünen und letzten Phase. „Mein Handy darf ich schon 24 Stunden am Tag bei mir behalten und abends habe ich freien Ausgang bis 22:30 Uhr.“
Leicht war der Weg in die dunkelgrüne Phase für ihn nicht. Dreimal ist er in den Anfangsmonaten heim gefahren, jedes Mal hat er seine alten Freunde wieder getroffen. Bei jedem Treffen wurde er rückfällig. Auch Weihnachten, vergangenes Jahr: Mit 3,4 Promille Alkohol im Blut hat er sich mit dem Türsteher einer Disco angelegt. „Das wurde mit mir auf dem Rahlenhof aufgearbeitet“, sagt er mit ruhiger Stimme und schätzt, dass er mit 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal straffällig wurde: „handgreifliche Geschichten, Diebstähle, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz“. Nachdem das Verhältnis zu seinen Eltern mehrfach eskaliert, kommt er für wenige Tage in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schafft es, wieder rauszukommen, kann aber bei seinen Eltern nicht mehr wohnen. Es folgen zwei Monate Kinder- und Jugendheim. Dort trinkt er nach wie vor Alkohol, verstößt gegen Regeln, stiftet andere zu Straftaten an und muss gehen. Sein Vater mietet dem mittlerweile 16jährigen ein eigenes Zimmer an: „Dort habe ich alleine gewohnt und weiterhin Alkohol und Drogen genommen“ erinnert er sich und sagt überraschend: „Ach, ich habe ja auch noch eine Erwachsenentherapie gemacht.“ Drei Monate Suchtklinik mit zwei Rückfällen waren das. An seinem 17. Geburtstag, zehn Tage vor Therapieende, wird er zum dritten Mal rückfällig und wird vorzeitig entlassen.
Bei JUST hat Markus gute Perspektiven gewonnen. „Mir gefällt, dass ich meinen Schulabschluss hier gemacht habe und dass man mit mir gearbeitet hat.“ Nach sechsmonatiger Vorbereitung in der JUST-angegliederten Schule hat er einen sehr guten Hauptschulabschluss hingelegt. Nun möchte er gerne Maler und Lackierer werden. Falls es in diesem Jahr mit einem Ausbildungsplatz nicht mehr klappt, hat er schon vorgesorgt. „Ich habe an einer Abendrealschule in Ravensburg einen festen Schulplatz für 2009“, sagt er, der einst nach der 8. Klasse das Gymnasium abgebrochen hat.
Wichtig ist für ihn auch Fußball spielen, was er vor ein paar Jahren wegen der Sucht fallen lassen und bei JUST wieder entdeckt hat. „Ich bin schon im Fußballverein Ravensburg angemeldet“. Zweimal in der Woche geht er abends ins Training und kann auf mehreren Ebenen üben. „Dort wird nach dem Training Alkohol getrunken. Ich hab' kein Verlangen mehr, wenn ich das sehe, denn ich spüre, mir geht’s gut. Ich brauche das nicht mehr, vor allem brauche ich den Alkohol in schweren Situationen nicht mehr. Hier lernt man, dass man es in schwierigen Situationen schaffen kann.“ Da taucht die Frage auf, was ihm dazu verholfen hat: „Es helfen Gespräche, Sport als Ausgleich zu innerer Anspannung und schlechter Laune und viele Angebote, die man wahrnehmen kann. Zum Beispiel Ergotherapie oder sich ein Hobby suchen.“ Außerdem sind da noch die anderen Jugendlichen, denen es ähnlich geht. „Von denen gibt es viel Verständnis und Halt in schwierigen Situationen. Alleine hätte ich das nicht so geschafft. Man findet hier auch teilweise gute Freunde.“
Markus hat sogar mehr als Freundschaft gefunden: „Ich habe hier meine Freundin kennengelernt.“ Den Kontakt zu seinen alten Freunden hat er schon seit Monaten abgebrochen, der zu seinen Eltern steht nach wie vor. „Meine Eltern unterstützen mich, trotz allem.“ Angst, dass es wieder nicht klappt? „Eher weniger. Ich bin ja für mein Handeln selbst verantwortlich.“ Immer noch auf der Gartenbank sitzend, scheint sein Frösteln etwas stärker zu werden. Dennoch lässt er sich eine letzte Botschaft nicht nehmen: „Wer wirklich etwas machen will, für den ist JUST auf alle Fälle der richtige Schritt in die richtige Richtung.“
Katharina Stohr

