Titelbild

06.03.2010

Ich kann ja was - ganz ohne Alkohol

Ursula Roos hat auf dem Höchsten ein Wegzeichen hinterlassen


„Ich habe hier gelernt, auf mich zu achten“: Ursula Roos mit ihrem Wegzeichen.

Viele Jahre hatte sie der Alkohol im Griff. Zum Schluss waren es zwei, drei Liter Wein täglich. Was mit Gesellschaftstrinken in der Kneipe begann, endete im Suff zu Hause. Die Leidtragenden: Ihre Familie, die Freunde, sie selbst. Im Sommer 2009 dann entschloss sich Ursula Roos zur Therapie. Ihr Körper machte nicht mehr mit, das Leben mit Alkohol wurde zur unerträglichen Pein. Seit dieser Zeit hat sich viel für die 41-Jährige aus Pforzheim geändert. Mit ihrem Wegzeichen, eine Aktion in Vorbereitung auf den Umzug des Fachkrankenhauses Höchsten nach Bad Saulgau Ende 2010, hat sie ihr neues Lebensmotto hinterlassen. Sie wirkt ängstlich, ist zurückhaltend. Fast so, als überlege sie sich, ihre Zusage fürs Interview nochmals zurückzuziehen. Aber schon die ersten Sätze mit dem Autor scheinen Ursula Roos zu bestärken, ihre Geschichte erzählen zu wollen. „Früher“, sagt sie, „hätte ich ein solches Gespräch nicht gepackt.“ Früher: Eine Geschichte von Enttäuschungen, mangelndem Selbstvertrauen und viel Alkohol. Herbert Grönemeyer besang dieses Gefühl in den Achtzigern: Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst, (…) ist das Schiff, mit dem du untergehst, (...) ist dein Sanitäter in der Not.“ So ähnlich erging es auch Ursula Roos. „Eigentlich gibt es tausend Gründe zu trinken“, erzählt sie. Ihre Gründe? „Ich hatte mangelndes Selbstvertrauen. Mit Hilfe des Alkohols bekam ich das Gefühl einer Bestätigung: ich kann was.“ Die 41-Jährige wurde locker, der Alkohol wirkte, ihre Probleme verschwammen. „Ich versuchte, Befriedigung durch den Alkohol zu bekommen.“ Parallel folgte das Unvermeidliche. Freunde zogen sich zurück, Hobbies gerieten in den Hintergrund, der eigene Körper wurde ihr zunehmend zur Belastung, Einsamkeit. Dann die Einsicht, was zu tun. Ursula Roos entschied sich für eine Therapie. Erst die Entgiftung, dann das Warten auf einen Therapieplatz. Auf diesen musste sie einige Wochen warten. Zu lange, der Griff zum Alkohol wurde – mal wieder – zum trügerischen Rettungsanker, zum Sanitäter in der Not. Auf den Zusammenbruch folgte die erneute Entgiftung, inklusive Entzugssymptome: Schwitzen, frieren, Herzrasen, Unruhe. Dann die Erlösung: Im August 2009 begann sie ihre Therapie auf dem Höchsten hoch über dem Deggenhausertal im Bodenseekreis. „Am Anfang konnte ich mir es gar nicht vorstellen, in einer reinen Frauenklinik Therapie zu machen“, erzählt Ursula Roos, war sie doch früher hauptsächlich unter Jungs aufgewachsen. Bis zu 80 Frauen mit einer Suchterkrankung können hier eine medizinische Rehabilitation durchlaufen. Der Höchsten, Deutschland älteste Frauensuchtklinik in Trägerschaft der Zieglerschen, weist eine Jahrzehnte währende Erfahrung in der geschlechtsbezogenen Suchttherapie vor. Es kam anders. „Die Therapie hier auf dem Höchsten wurde zu einem der schönsten Momente in meinem Leben“, sagt sie. Sie hat sich schnell in den Therapiealltag integriert, „es ging alles rasend schnell“. Schon bald konnte Ursula Roos erste Erfolge vorweisen. Als Sprecherin ihrer Therapiegruppe übernahm sie Verantwortung. „Und plötzlich habe ich gemerkt: Ich kann ja was“, freut sie sich noch heute. Ganz ohne Alkohol! Auf dem Höchsten fand sie wieder zu sich. Selbst spirituelle Erfahrungen habe sie gemacht. Früher undenkbar. „Ich habe hier gelernt, auf mich zu achten“, erzählt Ursula Roos. Das Ende der Therapie machte ihr jedoch ein wenig Angst. Wohl auch deshalb hatte sie ihre Therapie um drei Wochen verlängert. Diese Zeit brauchte sie, betont Ursula Roos. Ihr Partner habe sie einige Male auf dem Höchsten besucht. Das tat ihr gut. Und sie ist zuversichtlich, dass sie nach ihrer Therapie wieder Fuß fasst, in ihrer Familie und in ihrem sozialen Umfeld. Und sie hofft auf eine neue Arbeitsstelle. Vor Therapiebeginn gab die gelernte Bürokauffrau ihre Tätigkeit auf. Ursula Roos’ Motivation zur Therapie war intrinsisch, betonen ihre Therapeuten. Dies führte auch dazu, dass sie in der Therapie ein Wegzeichen herstellte. Ursula Roos’ Motto: „Lebenskunst ist, Problemen nicht auszuweichen, sondern daran zu wachsen.“ Sie ist gewachsen.

Harald Dubyk

Zurück