Titelbild

12.10.2010

„Ohne die Gruppe wäre ich versumpft“

Selbsthilfegruppe "Sternenwerfer" treffen sich seit zwei Jahren regelmäßig


Die Sternenwerfer bei einem ihrer Treffen am Bodensee.

Die gemeinsame Erfahrung einer Suchterkrankung und eine inzwischen enge Vertrautheit schweißt sie heute zusammen. Seit zwei Jahren treffen sich Jürgen, Heinz, Edith und Erika regelmäßig, im Frühjahr 2010 kam Michael dazu. „Sternenwerfer“ nennen sie sich seit April diesen Jahres. In den Räumen der Psychosozialen Beratungsstelle in Friedrichshafen haben sie nun als Gesprächskreis eine Heimat gefunden, und das jeden Montagabend.
Tiefe Gespräche seien es gewesen, die sie hat zueinander finden lassen. Kennen gelernt haben sie sich im Frühjahr 2008 während ihrer Therapie in der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben, damals noch in Friedrichshafen. Ihr Gesprächskreis „Sternenwerfer“ – der Name ist von Loren Eiseleys „The star thrower“ entnommen - ist Teil ihrer Nachsorge. Bereits während ihrer Zeit in der Tagesrehabilitation sind sie in eine Selbsthilfegruppe gegangen. Dort fanden sie jedoch nicht das, was sie suchten. „Und so hat es sich entwickelt, dass wir uns in diesem Rahmen regelmäßig treffen“, erzählt Jürgen. Erst hatten sie sich privat verabredet, mit und ohne Partner. Einen hatten sie zwischenzeitlich verloren, wie sie sagen. „Es ist nicht alles Eitel Sonnenschein“, bemerkt Erika. Seit Frühjahr sind sie wieder zu fünft. Michael heißt der neue. Über weiteren Zuwachs in ihrem Gesprächskreis freuen sie sich, dafür werben sie auch. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle empfehlen ihnen eine Gruppengröße von acht bis zehn Mitgliedern.
An ihren Abenden behandeln sie all die Themen, die sie beschäftigen. Die meisten handeln vom Umgang mit ihrer Sucht. Begonnen wird stets mit einem Ritual. Wenn ihre Klangschale erklingt, beginnt ihre Sitzung. „Jeder kann dann das auf den Tisch bringen, was ihn bewegt“, sagt Jürgen. Und dann wird zu Ende diskutiert. Immer wieder berichten sie von der Tiefe ihrer Gespräche, die sie auch nach zwei Jahren immer noch bewegt. „Als ich rückfällig wurde“, erzählt Erika, „war die Gruppe da. Wenn ich sie nicht gehabt hätte, wäre ich versumpft.“ Bei Bedarf treffen sie sich auch öfters. So spannen sie sich behutsam ein Netz der Hilfe.
„Die Nachsorge ist so wichtig wie die Therapie“, betont Jürgen, der nach vierzehn Jahren der Abstinenz 2007 mit Medikamenten rückfällig wurde und sich nun wieder herausarbeitet aus dem Suchtsumpf. Ihre Zeit in der Tagesrehabilitation war der Startschuss. Für Erika sei diese Art der Nachsorge sogar noch bedeutender geworden, sagt sie. In der Therapie hätten sie Strategien erlernt, die sie heute anwenden können, um ein Leben ohne Alkohol und Medikamente zu führen. Aber auch das besondere Vertrauensverhältnis zu ihren Therapeuten in der Tagesrehabilitation habe sie vorbereitet auf das, was in der Zeit nach der Therapie an Herausforderungen auf sie zukommt. Und so kommen sie immer wieder, wie auch viele andere ehemalige Patienten, gerne zu einem kurzen Besuch in der Tagesrehabilitation vorbei.
Für Heinz waren die Therapie damals und der Gesprächskreis jetzt sein ganz persönlicher Rettungsanker. „Meine Selbstachtung war gleich Null“, sagt er, „nachdem ich mir meine Sucht eingestanden hatte, musste ich mich hier erst wieder aufbauen.“ Heute geht er wieder in die Berge, wandert, kann von den vielen schönen Erlebnissen und Eindrücken, die er dort sammelt, berichten. In der Tat: Er hat sich wieder aufgebaut.

Harald Dubyk

Zurück