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10.06.2010

„Bin überzeugt, dass sich Qualität durchsetzt“

Tagesreha Ravensburg: Knapp 83 Prozent Abstinenzquote


Martin Kunze ist seit Ende 2007 Therapeutischer Leiter der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg.

Alle entlassenen Patienten aus den Einrichtungen der Suchthilfe der Zieglerschen werden ein Jahr nach ihrer Entlassung zur persönlichen wie beruflichen Lebenssituation befragt. Hier kommt der Frage nach der Abstinenz von Suchtmitteln eine zentrale Bedeutung zu. Den Spitzenwert mit knapp 83 Prozent Abstinenzquote bei den 2008 Entlassenen unter den Einrichtungen der Suchthilfe hält die Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben. Harald Dubyk hat den Therapeutischen Leiter, Martin Kunze, befragt.

Herr Kunze, 82,4 Prozent Abstinenzquote bei der Katamnesebefragung unter den in 2008 entlassenen Patientinnen und Patienten – das ist doch ein eindrucksvolles Signal?

Das kann man wohl so sagen. Wir haben uns im Team sehr darüber gefreut und es als Beweis unserer guten und intensiven therapeutischen Arbeit gewertet. Es ist für mich ein klares Signal dafür, dass die unmittelbare Verzahnung zwischen Therapie- und Alltagssituation, die Verbindung dieser beiden „Räume“, wirklich erfolgversprechend ist und das Modell der Zukunft für einen immer größer werdenden Kreis von suchtkranken Menschen ist.

Auf was führen Sie diese Zahlen zurück?

Ich denke, dass es mehrere Faktoren dafür gibt. In erster Linie besteht die Chance unseres Settings darin, neben der Aufarbeitung der Suchthintergründe zeitnah Themen des Alltags in der Therapie zu bearbeiten und einer konstruktiven Umsetzung im Alltag zuzuführen. Hierzu können Bezugspersonen aus Familie und Arbeitsleben wegen der regionalen Nähe leichter einbezogen werden. Außerdem wirkt jede belastende Situation nachhaltig und positiv auf die persönliche Abstinenzzuversicht. Der überschaubare, fast familiäre Rahmen unserer Tagesreha mit einer gemischtgeschlechtlichen Zusammensetzung und starker Nähe zum therapeutischen Team erleichtert einen intensiven Gruppenzusammenhalt mit neuen, oft heilenden Beziehungserfahrungen, die oft in der Nachsorge oder auch im privaten Kontakt über die Therapiezeit hinaus gehalten werden.

Wie halten Sie zu den ehemaligen Patientinnen und Patienten darüber hinaus noch Kontakt?

Einmal im Jahr findet das Ehemaligentreffen statt. Letztes Mal waren es rund 70 Besucher! Einige Patienten haben wir auch eingeladen, im Rahmen unseres Therapieprogramms mitzuwirken, indem sie über ihre Erfahrungen im ersten Jahr nach der Entlassung berichten. Andere kommen mit einer Selbsthilfegruppe zur Vorstellung. Wir freuen uns, dass viele Ehemalige auch mal kurz bei uns hineinschauen oder uns auch zwischendurch anrufen und dann erzählen, dass es ihnen gut geht.

Betrachtet man die hohe Abstinenzquote unter den Ehemaligen der Tagesrehabilitation, müsste man meinen, dass es sich bei dieser Therapieform um ein eindrucksvolles Erfolgsmodell handelt. Der tägliche Kampf um eine ausreichende Belegung dagegen bleibt schwierig und herausfordernd. Wie passt das zusammen?

Das ist uns immer wieder selbst ein Rätsel. Eine eindeutige Antwort darauf habe ich nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass unser Angebot immer noch nicht ausreichend bekannt ist und dass viele Betroffene noch sehr auf die stationäre oder rein ambulante Entwöhnungsform fokussiert sind. Hier würde ich mir oft noch mehr Mut bei den Zuweisern wünschen, das ganztägig ambulante Therapienangebot vorzuschlagen. Der Paradigmenwechsel in Richtung ambulante Reha ist noch nicht ausreichend vollzogen, auch nicht bei den Leistungsträgern!

2009 war, bezogen auf die durchschnittliche Belegung von täglich zwölf Patientinnen und Patienten, das bisher erfolgreichste Jahr der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben. Dazu nun die überzeugende Abstinenzquote. Wohin geht die Reise?

Ich denke, wir sind wirklich auf einem guten Weg. Ich bin zuversichtlich, dass wir über 2011 hinaus bestehen werden. Die Nutzung der teilstationären Entlassphase im Rahmen der stationären Reha wird hoffentlich auch seinen Teil dazu beitragen. Ich bin überzeugt, dass sich Qualität auf Dauer durchsetzt.

Harald Dubyk

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