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14.10.2010

Herausforderung Online-Sucht

Suchtexperten diskutieren im Fachkrankenhaus Ringgenhof über die digitale Medienwelt


Medienpädagoge Moritz Becker.

„Alles online – oder…?“ Unter diesem Motto trafen sich Suchtberater, Ärzte und Therapeuten im Fachkrankenhaus Ringgenhof in Wilhelmsdorf zum diesjährigen Informations- und Beratungsstellentag. Höhepunkt war der Vortrag von Moritz Becker, Medien- und Sozialpädagoge des Vereins „smiley“ aus Hannover, der sich für die Förderung der Medienkompetenz in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen engagiert. Die digitalen Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. In der Arbeit oder zu Hause – Handy, Internet, soziale Netzwerke, in den 90er-Jahren nur wenigen vorbehalten wurden sie inzwischen zum Kulturgut wie Bücher oder Telefon. Die meisten Menschen kommen klar damit, für einige wird der Umgang mit den so genannten neuen Medien jedoch zum Teufelskreis. Am Ende steht die Diagnose Online-Sucht.

Im Fachkrankenhaus Ringgenhof in Wilhelmsdorf, eine Rehabilitationsklinik für Männer mit Abhängigkeitserkrankungen in Trägerschaft der Suchthilfe der Zieglerschen, werden seit einigen Jahren auch Männer mit dieser Diagnose behandelt. Die Klinik stellt sich dieser Herausforderung und macht sich therapeutisch fit für die „Online-Sucht“. Moritz Becker, Medienpädagoge aus Hannover, berichtete beim Informations- und Beratungsstellentag des Fachkrankenhauses Ringgenhof über den Medienkonsum in unserer Gesellschaft. C 64 in den 80ern, Gameboy in den 90ern oder die Omnipräsens des Internets spätestens seit der Jahrtausendwende – die Entwicklung der digitalen Medien schritt, gemessen an der Menscheitsgeschichte, in atemberaubender Geschwindigkeit voran. „Hatten die alten Computerspiele noch ein Ende“, sagte Moritz Becker, „so sind die Spiele im Internet unüberschaubar, ohne Ende.“ Diese Spiele, die nie enden wollen, mit mehreren Personen an verschiedenen Orten miteinander vernetzt, gehören heute zur Realität. Becker plädierte jedoch dafür, die digitalen Medien moralisch nicht zu verdammen. „Wir müssen hier die Wertung rausnehmen“, betonte er, gerichtet vor allem an die ältere Generation, die nicht mit Computern und digitalen Medien aufgewachsen sei.

Wenn zum Beispiel der Vater morgens am Frühstückstisch seine Zeitung lese und nicht gestört werden wolle, sei er ja für seine Umwelt auch nicht erreichbar. Der morgendliche Zeitungskonsum würde so zum sozialen Ausschlusskriterium. Würde nun ein Jugendlicher zur gleichen Zeit am selben Ort vor dem Computer sitzen, sei der soziale Effekt derselbe, so Becker.

Es sei nicht primär das Medium an sich, sondern dessen Funktion und der Umgang mit diesem. „Dies müssen wir herausbekommen“, sagte Becker und appellierte an die Eltern: „Erziehung muss hier Orientierung geben.“ Viele Jugendliche, die sich mit Online-Spielen beschäftigten, würden im virtuellen Netzwerk Anerkennung und Respekt erhalten, was sie so nicht unbedingt bekämen. Becker sehe sehr wohl die Gefahr, dass man bei Online-Rollenspielen nicht ohne weiteres aussteigen könne, in eine Parallelwelt abgleite und sich hier ein Abhängigkeitspotenzial – nicht zwangsläufig aber dennoch – verberge. Der Grund: „Man lässt die anderen Mitspieler nicht im Stich“, sagte der Medienpädagoge, „und so isoliert man sich von seiner realen Umwelt.“

Harald Dubyk

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