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03.02.2012 - Wilhelmsdorf

Kürzere Therapie bedeutet weniger wirksame Therapie

Neujahrsempfang der Suchthilfe lockt über 120 Gäste


Besuchten im Vorfeld des Neujahrsempfang auch die Arbeitstherapie in der Fachklinik Ringgenhof: Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Manne Lucha (rechts), baden-württembergischer Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, hier im Gespräch mit Frank Keremen, Leiter der Arbeitstherapie am Ringgenhof.

120 Gäste haben den Neujahrsempfang der Suchthilfe der Zieglerschen in der Fachklinik Ringgenhof besucht - und sie wurden nicht enttäuscht. Das Thema der Veranstaltung versprach Spannung: „Suchtrehabilitation am Scheideweg - wachsender Bedarf bei gedeckeltem Budget." Hauptrednerin war Mechthild Dyckmans, FDP-Bundestagsabgeordnete und Drogenbeauftragte der Bundesregierung. „42 Prozent der wegen Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit Behandelten sind ein Jahr nach ihrer Reha abstinent", sagte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans. In den Kliniken der Suchthilfe der Zieglerschen liegt diese Quote bei allen entlassenen Patienten sogar über 50 Prozent. Dies und andere Zahlen dokumentieren den Erfolg der Arbeit, die in der medizinischen Rehabilitation von abhängigkeitserkrankten Menschen geleistet werde. Reha ist ein volkswirtschaftliches Erfolgsmodell. Nimmt man die 90 Prozent behandelter Patienten, die zwei Jahre nach Rehaende im Erwerbsleben verbleiben, wird rasch deutlich, wie sehr die Sozialkassen entlastet werden. Seit 1997 ist die Zahl der bewilligten Entwöhnungsbehandlungen von 51 000 jährlich auf knapp 89 000 (2010) gestiegen, wobei es in 2010 erstmals einen kleinen Rückgang gab.

Dass der viel gescholtene Deckel auf den Rehabudgets, die sich seit 1997 an der Entwicklung der Bruttolohnsumme je durchschnittlich beschäftigtem Arbeitnehmer orientieren, eine angemessene und für jeden Patienten notwendige Behandlung erschwere, war den meisten der Anwesenden auf dem Neujahrsempfang der Suchthilfe klar. Mechthild Dyckmans stellte ihren zahlreichen Zuhörern im Rahmen des Rentendialogs den aktuell diskutierten Anpassungsmechanismus vor. Dabei würden Demografie und Renteneintrittsalter berücksichtigt, um so das Rehabudget besser am tatsächlichen Bedarf zu orientieren. Dass dies so komme, sei sehr wahrscheinlich, so die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Professor Dr. Harald Rau, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, bemerkte, dass das deutsche System der Suchtrehabilitation immer noch eines der besten sei. Er warnte jedoch davor, die Rehazeiten immer weiter zu kürzen. „Kürzere Therapie ist eine weniger wirksame Therapie", betonte Rau und forderte, an die Politik gerichtet: „Lassen Sie uns weiter Zeit für Therapie!"

Dr. Ursula Fennen, Fachliche Geschäftsführerin der Suchthilfe der Zieglerschen, hob in ihrer Rede unter anderem den gesetzlichen Auftrag an Reha, die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit, hervor, „trotz der überdauernden Widersprüchlichkeit von wachsendem Bedarf und gedeckeltem Budget". Dabei müsse die Alltagsrealität in der Rehabilitation der Realität des Arbeitsmarktes folgen.

Menschen in Lohn und Arbeit halten und bringen, dies sei nach Ansicht von Hubert Seiter, Erster Direktor und Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, der wesentliche Auftrag der medizinischen Reha. „Und über 40 Prozent Abstinenz ist ein Erfolg", ergänzte Seiter.

„Damit dieser Erfolg auch erreicht wird, wird in den Kliniken der Suchthilfe hervorragende Arbeit geleistet", sagt Manne Luche, grüner Landtagsabgeordneter aus Ravensburg und sekundierte sogleich dem Klinikträger: „Meiner Ansicht nach ist eine Anhebung des Reha-Deckels unbedingt nötig und sinnvoll. Ich denke, wir sind uns schon seit einiger Zeit einig, dass hier etwas getan werden muss." Die Orientierung der Gesundheitspolitik am Menschen sei für den Grünen-Politiker das wichtigste. „Auch besonders in der Suchthilfe."

CDU-Landtagsabgeordneter Rudolf Köberle bemerkte, dass man den Fokus auf Arbeit bis 67 und nicht Rente ab 67 richten müsse. „Wie bringen wir die Menschen dazu, länger und vor allem gesund zu arbeiten", stellte er die Frage. Sucht sei eine gesellschaftliche Realität. Köberle signalisierte den Rehakliniken die Unterstützung seiner Partei in ihrer Arbeit, betonte dabei Prävention und Reha als notwendige Eckpfeiler, aber auch Repression, wo Kriminalität in Verbindung mit Sucht auftrete. Köberle: „Wir dürfen die Gesellschaft nicht für alles verantwortlich machen."

Große Aufmerksamkeit gab es für Sebastian Anhalt, ehemaliger Patient der Fachklinik Ringgenhof, der aus seiner Sicht die Reha interpretierte.

Harald Dubyk

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