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03.06.2010 - Wilhelmsdorf

"Kliniken müssen mit Nichtantrittsquote leben und umgehen"

Dr. Andreas Koch vom "buss" zum Thema Nichtantrittsquote in der Suchtrehabilitation


"Vor allem Drogeneinrichtungen haben immer wieder mit einer Nichtantrittsquote zu kämpfen", sagt Dr. Andreas Koch, Geschäftsführer des "buss".

Dr. Andreas Koch ist Geschäftsführer des Bundesverbandes für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V, kurz buss. Die Suchthilfen der Zieglerschen sind mit ihren stationären Einrichtungen Ringgenhof, Höchsten und Rehabilitationszentrum am Bussen – Fachklinik Hohenrodt Mitglied im „buss“. Harald Dubyk hat sich mit dem Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen Unternehmensberater zum Thema Nichtantrittsquote unterhalten.

Wie hat sich die Nichtantrittsquote unter den Suchtreha-Einrichtungen in den letzten Jahren entwickelt? Und wie hoch liegt sie derzeit?

Eine Erhebung konkreter Daten zu diesem Thema findet erst seit 2008 statt. Längerfristige Aussagen lassen sich daher nicht machen. Aus Gesprächen und Benchmark-Runden lässt sich aber erkennen, dass sich die Nichtantrittsquoten in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert haben. Deutlich wird aus den Erhebungen 2008/2009, dass Quoten von 15% bei Alkoholpatienten und 40% bei Drogenpatienten wohl ‚normal’ sind. Vor allem Drogeneinrichtungen haben immer wieder mit einer Nichtantrittsquote zu kämpfen.

Welche Ursache vermuten Sie dahinter?

Ich vermute Probleme bei der Therapiemotivation, gegebenenfalls auch nicht ausreichende Vorbereitung auf die Therapie in der Beratung und in der Entgiftung. Die Auswertung zeigt, dass bei Drogenpatienten die Gründe vor allem im Bereich Entgiftung liegen. Im Alkoholbereich dagegen sind es Abbrüche des Aufnahmeverfahrens ohne Gründe oder Intoxikation bei der Aufnahme. Die Nichtantritts-Problematik spielt innerhalb der medizinischen Rehabilitation nur im Indikationsbereich Sucht eine erhebliche Rolle, in den anderen Indikationen sind die Kliniken eher gefordert, eine nahtlose und kurzfristige Aufnahme zu ermöglichen.

Wie reagieren die Einrichtungen nun auf die steigende Nichtantrittsquote?

Eine steigende Nichtantrittsquote kann, wie gesagt, aus unseren Zahlen nicht belegt werden. Es ist davon auszugehen, dass die oben genannten unterschiedlichen Zahlen für Drogen beziehungsweise Alkohol üblich sind. Die Einrichtungen können diese nur mit erheblichem Aufwand verringern, wie zum Beispiel Patienten in der Beratung oder bei Vorbehandlern abholen. Aber es ist zu befürchten, dass dadurch mehr schlecht motivierte Patienten eine Therapie beginnen und sich dann die Abbrüche häufen, was die Haltequote wiederum unter Druck bringt. Dieser Effekt ist fachlich einleuchtend, lässt sich aber statistisch bislang nicht nachweisen. Wichtig ist vor allem ein flexibles und gut organisiertes Aufnahmenmanagement in den Kliniken, um die durch Nichtantritt leer stehenden Betten möglichst schnell wieder zu füllen.

Und wie reagieren Sie als Bundesverband auf die steigende Nichtantrittsquote?

Benchmarking unter den Einrichtungen, um realistische Zahlen zu ermitteln und angemessene Maßnahmen initiieren zu können. Es sollte deutlich werden, dass die Kliniken mit einer indikationsspezifischen Quote leben und umgehen müssen. Außerdem werden die aktuellen Daten der Deutschen Rentenversicherung vorgelegt, um gegebenenfalls darüber zu verhandeln, ob Einrichtungen mit einem hohen Nichtantrittsrisiko eine Art Ausgleich bekommen wie zum Beispiel eine geringere Sollauslastung als Grundlage für die Berechnung des Pflegesatzes.

Worin verbergen sich die größten Gefahren für die Einrichtungen?

Bei dem Versuch, die Quote deutlich zu verbessern, kann zum einen erheblicher und damit unnötiger Aufwand entstehen. Zum anderen kann, wie bereits gesagt, eine Verschlechterung der Haltequote eintreten. Auf jeden Fall sollte jede Einrichtung die Quote regelmäßig analysieren, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und reagieren zu können. Die Zahlen können ja nach regionaler Situation und Vernetzung von Klinik zu Klinik variieren.

Wie schaut es bei den Tagesrehabilitationen aus?

Dazu liegen keine Daten vor. Es wäre aber zu vermuten, dass die tendenziell ‚besseren’ Patienten in der Tagesrehabilitation (soziales Umfeld, Schwere der Erkrankung, besserer Erwerbsstatus, geringere Co-Morbidität) eine eher geringere Nichtantrittsquote haben.

Harald Dubyk

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