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21.05.2011 - Oggelsbeuren

„Ohne Sprache ist nichts“

Igor G. spricht über seine Intergrationsprobleme in Deutschland


Astana, Hauptstadt von Kasachstan.

Seinen Namen will er nicht veröffentlicht wissen. Igor G. – „das reicht“, sagt er. 1997 kam der heute 43-Jährige nach Deutschland. Mit dem Flieger, direkt aus Kasachstan. Dort, in der Nähe der Hauptstadt Astana ist er aufgewachsen. Igor G. sprach damals kein Wort deutsch, seine Wurzeln sind jedoch deutsch. Seit Februar ist er als Patient im Rehabilitationszentrum am Bussen in Oggelsbeuren. Seine Diagnose: Alkoholabhängigkeit, wohl auch begünstigt durch eine schwierige Integrationsgeschichte.

„Beschissen ist dieses Gefühl“, sagt Igor. Er wisse manchmal selber nicht, was er sei. Deutscher, Russe, Kasache? In Kasachstan wurde er als Deutscher, Faschist beschimpft, hier sei er für die meisten der Russe. „Ich bin auf jeden Fall ein Mensch“, betont er. Seine Aussprache verrät sofort, dass er die deutsche Sprache erst im Erwachsenenalter gelernt hat. Am 4. Januar 1997 kamen er und seine Familie in Deutschland an. Ein fremdes Land, und doch auch das Land der Vorfahren.

Igors Familie wanderte im 18. Jahrhundert nach Russland aus. Sie kamen aus Hamburg und Holland, siedelten sich an der Wolga an und lebten dort über Generationen als deutsche Gruppe für sich, sprachen deutsch, pflegten ihre Traditionen. Im zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Die deutschstämmige Minderheit wurde von Stalin verfolgt und deportiert. Auch Igors Familie wurde in dieser Zeit nach Kasachstan zwangsausgesiedelt.

Dort kam er 1968 zur Welt, wuchs dort auf, lernte seine Frau kennen, der älteste Sohn kam in Kasachstan zur Welt. Über Jahre arbeitete er als Tierarzt, sagt er, dann zog er mit der Familie seiner Frau nach Deutschland. Seine Ursprungsfamilie und viele Freunde folgten. „Ich habe gestaunt wie ein Affe“, erzählt Igor von seinen ersten Eindrücken von Deutschland, alles war neu für ihn. „Und hier gab’s ja Bäume“, sagt er. In Kasachstan sei alles Steppe. Rasch merkte er jedoch, dass sie nicht dazu gehören würden. Er und seine Frau sprachen kein Wort deutsch. Verkehrte Welt. Während seine Großmutter kein Wort russisch sprach, beherrschte er die Sprache seiner Vorfahren nicht. Heute weiß er nur zu gut: „Ohne Sprache ist nichts.“ Sprache ist ein Integrationsindikator.

Inzwischen hat Igor noch zwei weitere Kinder bekommen. Sie sind in Deutschland aufgewachsen und kennen die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Deutschland wurde für sie zur Heimat. Igor tat sich schwer, Fuß in Deutschland zu fassen. Während seine Frau rasch und gut Deutsch lernte, tat er sich nicht so leicht. Als in Kasachstan praktizierender Tierarzt musste er in Deutschland Hilfstätigkeiten übernehmen. Der Alkohol kompensierte seinen Frust und seine erlebte Kränkung. Es folgten die Trennung von seiner Familie und 2006 die Scheidung von seiner Frau. Der Weg nach unten war vorgezeichnet. Igor verlor den Halt und seine Wohnung, lebte zeitweilig auf der Straße. Am 8. Februar wurde er im Rehabilitationszentrum am Bussen in Oggelsbeuren aufgenommen. Seither fasst er wieder Mut, eine Lebensperspektive zeichnet sich für den 43-Jährigen ab. Igors Therapiemotivation, sagen seine Therapeuten, sei intrinsisch. „Ich bin freiwillig hier“, bestätigt er.

Bis 31. Mai dauert seine Reha noch. In Schramberg bei Rottweil hat er bereits eine Wohnung. Arbeit und vielleicht eine Freundin würden seiner Zukunft Auftrieb verleihen, sagt er, hofft er. Und dann der Kontakt zu seinen Kindern. Ein Zurück gebe es für ihn nicht mehr. Auch nicht nach Kasachstan. „Was soll ich da? Da ist niemand mehr!“, sagt er, ein wenig nachdenklich.

Deutsche in Kasachstan

Im Jahre 1895 gab es bereits erste deutsche Niederlassungen in der Gegend um Akmolinsk. Die Vorfahren der Kasachstandeutschen wurden nach der Auflösung der Wolgadeutschen Republik am 28. August 1941 durch das Innenministeriums der UdSSR zwangsumgesiedelt. Ab dieser Zeit war es den Russlanddeutschen verwehrt, in der UdSSR zu studieren, ihre Muttersprache öffentlich zu sprechen und spezielle Berufe auszuüben.

Bis Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts bestand bei dieser Personengruppe eine Kommandaturmeldepflicht. Viele Kasachstandeutsche mussten in den Zeiten zwischen 1941–1959 Zwangsarbeiten in Arbeitslagern verrichten. Nachdem 1979 die Idee zur Bildung eines autonomen Gebiets der Deutschen in Kasachstan – in der Gegend von Akmolinsk/Zelinograd (heute Astana) mit einem hohen Anteil Deutschstämmiger – am massiven Widerstand der einheimischen russischen und kasachischen Bevölkerung scheiterte, wanderten die meisten Kasachstandeutschen seit Ende der 1980er Jahre aus Kasachstan aus, um sich wieder in der Heimat ihrer Vorfahren anzusiedeln. Nur wenige suchten einen Neubeginn in den deutschen Nationalkreisen in der Russischen Föderation oder im ehemaligen Ostpreußen.

Laut der Volkszählung von 2003 lebten 300.000 Deutsche in Kasachstan, vor allem im Norden des Landes und im Raum Astana.

Quelle: Wikipedia

Harald Dubyk

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