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10.12.2010 - Bad Saulgau

Solidarische Gemeinschaft

Der geschlechtsspezifische Ansatz in der Entwöhnungsbehandlung


"Bei Frauen finden wir deutlich häufiger als bei Männern Persönlichkeitsstrukturen vom Borderline- und dem Depressiventyp.": Dr. Ursula Fennen, Fachärztin für Psychiatrie/Psychotherapie.

Die Suchthilfe der Zieglerschen behandelt seit mehr als 100 Jahren suchtmittelabhängige Männer und seit mehr als 50 Jahren suchtmittelabhängige Frauen. In der Gründungszeit der beiden Einrichtungen Ringgenhof und Höchsten war die Trennung nach Geschlechtern in Institutionen üblich und gründete nicht weiter hinterfragt in Vorstellungen von Schicklichkeit und Moral. Schulen erzogen getrennt geschlechtlich, Stationen in Krankenhäusern wurden getrennt geschlechtlich betrieben, ebenso psychiatrische Krankenhäuser. Im Zuge der Säkularisierung der Gesellschaft sowie der Emanzipation wurde in fast allen öffentlichen Bereichen die Geschlechtertrennung ab Mitte der 60er Jahre mehr und mehr aufgegeben, sodass wir sie eigentlich heute nur noch institutionalisiert in klösterlichen Gemeinschaften finden. Dennoch hat sich die Suchthilfe der Zieglerschen anlässlich der 100 Jahrfeier der Fachklinik Ringgenhof deutlich und bewusst zur Fortsetzung des geschlechtsspezifischen Ansatzes in der Entwöhnungsbehandlung entschieden.
Was macht nun eine frauenspezifische Therapie aus? Bei Frauen finden wir deutlich häufiger als bei Männern Persönlichkeitsstrukturen vom Borderline- und dem Depressiventyp. Frauen mit einer Borderline- Persönlichkeitsstruktur haben in ihrer frühen Kindheit gravierende Erfahrungen von seelischer, körperlicher oder sexueller Gewalt gemacht, die dauerhaft eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung verhindern. Gerade die sexuellen Gewalterfahrungen sind hinsichtlich Schwere, Dauer und kontextueller Nähe zwischen Täter und Opfer noch immer mädchenspezifisch. Auch ist hier die Geschlechtsverteilung eindeutig: In ganz überwiegender Anzahl sind die Täter Männer, die Opfer sind Mädchen.
Viele so traumatisierte Frauen haben tiefgreifende Störungen in Körpererfahrung und Sexualität, dadurch bedingt haben sie demütigende und verletzende Erfahrungen in Paarbeziehungen gemacht. Die Erfahrung einer solidarischen Frauengemeinschaft fördert die notwendige Offenheit, sich diesen Verletzungen zu nähern und schafft ein vertrauensvolles Gesprächsklima. Eine institutionelle Re-Traumatisierung durch die Anwesenheit suchtkranker Männer, unterbleibt, der Mechanismus der Re-Inszenierung, nämlich dass eine traumatisierte Frau erneut mit großer Wahrscheinlichkeit traumatisierende Beziehungen zu einem zu frühen Zeitpunkt ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeht, kann weitgehend verhindert werden.
Die zweite Persönlichkeitsstruktur, die wir bei suchtkranken Frauen häufiger finden als bei suchtkranken Männern ist die der depressiven Struktur. Mädchen, die wir heute als suchtkranke Frauen sehen, sind noch immer erzogen worden, sich zurückzunehmen, für andere da zu sein, andere zu versorgen, für sich selber nichts zu fordern. Solche Persönlichkeitsstrukturen, gleich welcher Art, entstehen in der Regel in einem Familiensystem, in dem ein pathogenes Klima zum Beispiel durch die Abhängigkeitserkrankung eines Elternteils, oder Gewalttätigkeit, oder Minderversorgung oder frühe Verantwortungsübernahme usw. herrscht.
In diesem Beziehungsengagement lernen Mädchen expansive Impulse von Neugier, Bedürfnisbefriedigung oder Aggression zu unterdrücken und sie den Interessen vermeintlich übergeordneter Strukturen zu unterbinden. In einer frauenspezifischen Therapie können diese Patientinnen ihre eigenen Bedürfnisse aufspüren und kennen lernen. Sie machen die Erfahrung der schuldfreien Erfüllungen von Wünschen und werden ermutigt, die Synthese zwischen eigenem Leben und der Sorge für Andere herzustellen. Auch hier schützt der frauenspezifische Ansatz vor der Re-Inszenierung des unterwerfenden, fürsorglichen Verhaltens und verhindert Re-Traumatisierungen, die der Deformation der Persönlichkeit Vorschub leisten würden.
Auch suchtkranke Männer haben ihre spezifischen, in den durch frühe Beziehungserfahrungen geformten Persönlichkeitsstrukturen, die sich schwerpunktmäßig von den Persönlichkeitsstrukturen der Frauen unterscheiden: Viele suchtkranke Männer haben einen ausgesprochen brüchigen Selbstwert, der sich aus Anerkennung, die über Leistung hervorgebracht wird, speist. Die frühe Beziehungserfahrung als Junge, uneingeschränkt, geliebt und gemocht zu werden, nicht sofort auf ein Idealbild als Mann erzogen oder von Machovorbildern deformiert zu werden, blieb verwehrt.
Wenn Frauen ihre Verzweiflungen und Aggressivität in der Regel gegen sich selber richten, richtet sich männliche Verzweiflung und Aggressivität sehr viel öfter nach außen und trifft dann auf Frauen. In einem männerspezifischen Behandlungsansatz besteht die Möglichkeit, die leistungsabhängige Selbstwertregulierung aufzubrechen und sich aggressiven Impulsen zu stellen. Unabhängig von der Geschlechtsspezifität dient die Entwöhnungsbehandlung der Suchthilfe der Zieglerschen der Reifung von Persönlichkeitsanteilen, die durch misslungene Beziehungserfahrungen in der frühen Kindheit entstanden sind, sodass der kompensatorische Einsatz des Suchtmittels zur Stabilisierung der brüchigen Persönlichkeit nicht mehr erforderlich ist.

Dr. Ursula Fennen, Fachliche Geschäftsführerin der Suchthilfe der Zieglerschen

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