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14.02.2012 - Ravensburg

Vorgesetzte dürfen nicht wegschauen

Betriebe informierten sich bei einem Fachtag in der Tagesreha Ravensburg


Dr. Ursula Fennen erläuterte die Bedeutung von Angehörigen und im Speziellen von Kindern bei einer Suchterkrankung in der Familie am Beispiel eines so genannten Suchtmobiles.

Familienproblem Alkohol - so lautete der Titel des Fachtages, den die Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg, eine Einrichtung der Suchthilfe der Zieglerschen, am 10. Februar Vertretern aus Betrieben in der Region anbot. Dabei wurden die Auswirkungen der Sucht auf Kinder, Angehörige und die Arbeitswelt diskutiert. „Ich verzeihe dir." So lauteten die Worte des Sohnes am Totenbett des Vaters, der sich durch seine Alkoholsucht regelrecht zu Tode gesoffen hatte. Gefasst schilderte die Ehefrau die vielen Jahre an der Seite ihres alkoholkranken Mannes, der zum Schluss alles verlor: die Familie, seine Arbeit und zuletzt das eigene Leben. „Ich habe Jahre gelitten", berichtete die Frau den gebannt lauschenden Zuhörern. Therapie und Beratung halfen in diesem Fall nicht, den Absprung vom Alkohol zu schaffen.

Ein anderer, ehemaliger Patient der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg stellte seinen letztendlich erfolgreichen Weg aus der Sucht so dar: Als Spiegeltrinker konnte er über Jahre gute Leistung am Arbeitsplatz bringen. Ein neuer Vorgesetzter, der nicht mehr wegschaute, leitete die Wende ein. Nur durch den Druck des Arbeitgebers begab sich der Mann zuerst in Beratung und dann Therapie, wurde rückfällig und entschied sich für eine zweite Therapie. „Das Gefühl des Eingestehens war schwierig", sagte er. Ein langer, anstrengender Prozess, der sich lohnte. Am Ende Dankbarkeit: „Ich durfte mich in meinem Leben nochmals neu aufstellen."

Die von Martin Kunze, Therapeutischer Leiter der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben, moderierte Gesprächsrunde veranschaulichte deutlich, wie die Abhängigkeit vom Alkohol auf die unterschiedlichen Lebenssysteme wirkt. Die rund 20 Vertreter von Betrieben aus der Region erhielten wertvolle Informationen und viele Eindrücke aus erster Hand. Der Besuch des Fachtages „Familienproblem Alkohol" lohnte sich für sie.

Monika Becker, Psychologin der Caritas Ravensburg, erläuterte die Auswirkungen von Sucht auf Angehörige von Betroffenen. Es seien erschöpfende, demütigende und anstrengende Jahre mit vielen persönlichen Niederlagen, die sie durchlebten. Nicht wenige brechen zusammen, sagt sie. Professionelle Hilfe oder eine Selbsthilfegruppe könnten unterstützen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Es ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Monika Becker: „Selbsthilfe bedeutet, sich diese Hilfe auch selbst zu holen."

Am Beispiel des Suchtmobiles verdeutlichte Dr. Ursula Fennen, Fachliche Geschäftsführerin der Suchthilfe der Zieglerschen", wie das Angehörigensystem eines Suchtkranken die scheinbare Balance hält und was passiert, wenn eine Person hieraus ausbricht: Das Mobile gerät ins Wanken und damit ins Ungleichgewicht. Vor allem Kindern komme hier eine bedeutende Rolle zu. Abhängigkeit wirke sich auf Kinder von suchtkranken Eltern oder Elternteilen in Form von Einsamkeit, Persönlichkeitsstörungen, eigener Abhängigkeit oder Co-Abhängigkeit aus.

Martin Kunze hob die wesentlichen Aspekte von medizinischer Rehabilitation von suchtkranken Menschen hervor, wie sie zum Beispiel in einer Tagesrehabilitation angeboten werde. Dass das Thema Alkoholismus zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerate, schärfe den Blick vieler. Auch für Arbeitgeber werde die Zusammenarbeit von Therapie und Betrieb zunehmend wichtiger. Die immer schwieriger werdende Suche nach Fachkräften erfordere, dass man sich um suchtkranke Mitarbeiter kümmere und diesen einen Weg raus aus der Sucht und wieder zurück ins Leben und in die Erwerbstätigkeit ermögliche.

Harald Dubyk

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