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05.03.2010

Konstruktiver Druck von Außen erhöht Leidensdruck

Betriebe diskutierten über Sucht am Arbeitsplatz


Dr. Jonas Hartleb von der ZF Friedrichshafen AG erläuterte den Besuchern des Fachtages „Betrieb und Sucht“ den Umgang mit suchtkranken Mitarbeitern.

Wie gehen Vorgesetzte mit suchtkranken Mitarbeitenden um? Welche Hilfen können Betroffene in Anspruch nehmen? Zwei Fragen von vielen, die auf dem Fachtag „Betrieb und Sucht“ diskutiert wurden, der am 26. Februar in den Räumen der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg stattgefunden hat. Die Suchthilfen der Zieglerschen, die ZF Friedrichshafen AG und die Deutsche Post hatten Betriebe aus Oberschwaben zum Erfahrungsaustausch eingeladen.

10 bis 30 Prozent der Arbeitsunfälle ereignen sich unter Alkoholeinwirkung. Die Fehlzeiten alkoholkranker Beschäftigter liegen etwa 16mal höher. 100 alkoholgefährdete beziehungsweise abhängige Mitarbeiter verursachen in fünf Jahren über 1,5 Millionen Euro Kosten. Mit diesen Zahlen informierte der Leiter des Gesundheits- und Sozialdienst der ZF Friedrichshafen AG, Dr. Jonas Hartleb, die Zuhörer. Dass sich das Thema Betrieb und Sucht aber nicht nur mit Zahlen erklären lässt, machte Hartleb in seinem Vortrag deutlich. Den rund 25 Vertretern von mittelständischen Unternehmen aus der Region Bodensee-Oberschwaben, die zu dem Fachtag nach Ravensburg gekommen waren, stellte er die betriebliche Suchtarbeit der ZF Friedrichshafen AG vor. Dabei warb der Arzt für ein strukturiertes wie verlässliches Vorgehen der Betriebe im Umgang mit suchtkranken und suchtgefährdeten Mitarbeitenden. Vor allem eine Betriebsvereinbarung zum Thema Sucht, so Hartleb, trage zur Klarheit bei. Martin Kunze, Therapeutischer Leiter der Tagesrehabilitation in Ravensburg, und Bezugstherapeutin Simone Reichle gaben einen Einblick in den therapeutischen Umgang mit suchtkranken Menschen. „Bei der Frage, was ist die richtige Hilfe für den Suchtkranken, werden in Familien, Betrieben, Vereinen und anderen sozialen Gruppen viele Fehler gemacht, weil eine große Verunsicherung besteht“, sagte Martin Kunze. Er plädierte für einen „konstruktiven Druck von Außen“, welcher den inneren Leidensdruck erhöhe. Dieser Druck von Außen müsse von Vorgesetzten und Kollegen kommen. Dass dahinter eine Haltung aus Fürsorge und nicht aus Vorwürfen stehen müsse, sei elementar wichtig, so Kunze. Dr. Ursula Fennen, Fachliche Geschäftsführerin der Suchthilfen in den Zieglerschen, erklärte die Behandlung von Patienten in einer tagesrehabilitativen Behandlung. „Medizinische Rehabilitation bedeutet also, in der engen Verschränkung zwischen Alltag und Therapie, durch die Simulation eines Arbeitsalltags bei uns, Störungen und Erkrankungen soweit als möglich zu heilen und den Patienten zu befähigen, mit seinen Einschränkungen zufrieden abstinent seiner Arbeit nachzugehen“, sagte Fennen.

Im zweiten Teil des Fachtags arbeiteten die Teilnehmer in Arbeitsgruppen und stellten sich den Aufgabenstellungen, die sich aus dem Umgang mit suchtkranken Mitarbeitenden ergäben. Die Frage nach Qualifizierung und Befähigung, den Betroffenen die richtige Hilfestellung zu geben und nicht hilflos das Problem zu vertuschen und damit zu verschleppen, beschäftigte die meisten der Teilnehmer. Der Fachtag „Betrieb und Sucht“ gab hierzu wertvolle Anregung. „Solche Veranstaltungen müssen wir öfters machen“, fasste eine Teilnehmerin die Rückmeldungen zusammen.

Harald Dubyk

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