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09.12.2010

Arbeitstherapie: Grundlage für Abstinenz

Der leitende Arbeitstherapeut des Ringgenhofs, Frank Keremen, im Gespräch


Arbeitstherapeut Frank Keremen: „Wir haben Patienten in unserer Behandlung, die Suchtmittel zur individuellen Leistungssteigerung eingesetzt haben.“

Frank Keremen ist Schreinermeister und Arbeitstherapeut. Im Fachkrankenhaus Ringgenhof leitet er die Arbeitstherapie. Im Gespräch mit Harald Dubyk erläutert er die Bedeutung der Arbeitstherapie in der medizinischen Rehabilitation von abhängigkeitserkrankten Männern.

Herr Keremen, welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Arbeitstherapie inzwischen im gesamten Rehaprozess?
Frank Keremen: Die Bedeutung der Arbeitstherapie in der Reha wird immer bedeutender. So werden die therapeutischen Inhalte aus der Einzel- und Gruppentherapie durch eine gemeinsame Handlungsebene in der Arbeitstherapie erfahrbar. Ein Beispiel: Konflikte erleben und diese bewältigen, vor allem auch am Arbeitsplatz, ganz ohne Suchtmittel. Ziel ist es, die berufliche Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Übrigens eine zentrale Forderung des Kostenträgers. Den jungen Drogenabhängigen vermitteln wir grundlegende Arbeitstugenden, so genannte Basics, aber auch eine berufliche Orientierung.

Wie hat sich die Arbeit mit den Patienten in der Arbeitstherapie in den letzten Jahren entwickelt?
Frank Keremen: Die Arbeitstherapie im Fachkrankenhaus Ringgenhof war in der Vergangenheit produktorientiert. Mittlerweile steht das „arbeitstherapeutische Produkt“ im Vordergrund. Wir reflektieren dem Patienten sein Verhalten und seine Entwicklung während der Reha hier auf dem Ringgenhof. Wir geben auch den Kolleginnen und Kollegen in der Bezugstherapie Rückmeldung, wie sich ihre Patienten in den Bereichen Arbeits- und Ergotherapie verhalten. Dies leisten wir Arbeitstherapeuten.

Sie hatten die Basics erwähnt.
Frank Keremen: Es gibt einen Trend. Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass der Personenkreis zugenommen hat, der das verstärkte Vermitteln von Basics und so genannten Arbeitstugenden notwendig macht. Aber es geht noch weiter. Wir wollen den Patienten, die im Erwerbsleben stehen, mittelfristig Indikative Gruppen anbieten. Das sind zum Beispiel „Mobbing am Arbeitsplatz" und "Stressbewältigung am Arbeitsplatz", um mal zwei zu nennen. So geben wir den Patienten im Anschluss ihrer Therapie gute Grundlagen mit, um sich in Zukunft abstinent an ihren Arbeitsplätzen zu bewähren.

Es war jetzt immer mal wieder von Arbeitstugenden die Rede. Welche sind das?
Frank Keremen: Unter Arbeitstugenden versteht man Verhaltensstrukturen, Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein zukünftiger Arbeitgeber in der Regel bis zu einem bestimmten Grad voraussetzt beziehungsweise die für eine Integration in die Arbeitswelt unbedingt notwendig sind. Das sind zum Beispiel Pünktlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Antrieb, Teamfähigkeit, Konzentration, Kritikfähigkeit, Selbständigkeit, Sorgfalt, Frustrationstoleranz, Konflikt und Kritikfähigkeit.

Das ist eine Menge…
Frank Keremen: …ja!

Und sind diese Tugenden den Patienten, bedingt durch ihre Sucht, abhanden gekommen?
Frank Keremen: Ich würde nicht sagen, dass die Arbeitstugenden in einer Suchterkrankung abhanden kommen. Im Gegenteil: Wir haben Patienten in unserer Behandlung, die Suchtmittel zur individuellen Leistungssteigerung eingesetzt haben. An dieser Stelle wäre für mich ein „angemessenes Arbeitsverhalten“ das Stichwort. Doch es ist schon auch so, dass die Arbeitstugenden, sagen wir mal, etwas in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dies hängt aber aus meiner Sicht mit einer Selbstwertproblematik zusammen, resultierend aus dem Konsum von Suchtmitteln. Diesen Selbstwert wollen wir im Rahmen unserer Arbeitstherapie steigern helfen

Was ist mit den Patienten, die nicht mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen werden?
Frank Keremen: Gerade diese müssen wir gut im Blick behalten, weil eine langfristig zufriedene Abstinenz aus unserer Sicht nur mit einer sinnvollen Tagesstruktur zu erreichen ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Patienten ehrenamtlich engagieren oder in einem Beschäftigungsprojekt unterkommen. Und das hilft der Abstinenzfähigkeit enorm!

Harald Dubyk

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