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07.12.2011 - Bad Saulgau

Mit Musik die Menschen erreichen

Pianistin Henriette Gärtner tritt am Samstag in der Fachklinik Höchsten auf


Henriette Gärtner engagiert sich für den Bau der Kapelle am Siebenkreuzerweg in Bad Saulgau.

„Drei Lebensläufe und ein Doktortitel" - so titelte diesen Sommer der Stadtspiegel der Stadt Spaichingen in einem Porträt über die Konzertpianistin und frisch promovierte Doktorin der Naturwissenschaften (Bewegungsphysiologie/Biomechanik), Henriette Gärtner. Die 36-Jährige, wohnhaft in Spaichingen, steht seit über 30 Jahren auf Europas Konzertbühnen. Am kommenden Samstag, 10. Dezember, tritt sie in der Fachklinik Höchsten in Bad Saulgau zugunsten der Kapelle am Siebenkreuzerweg auf. Beginn ist um 19 Uhr. Viele Jahre sind es her: Ein kleines Mädchen mit Zöpfen und Kleid sitzt auf einem etwas zu großen Stuhl. Davor steht ein Flügel. Die kleinen Hände des Mädchens fliegen geschwind über die Tasten. Es lächelt. Ihr Spiel verzaubert und beeindruckt zugleich. So trat Henriette Gärtner als vierjährige bei „Jugend musiziert" das erste Mal vor einem größeren Publikum auf. Der Beginn einer großen Karriere. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr spielte sie nur nach Gehör und konnte keine Noten lesen. „Mit der Zeit ist das Klavierspielen für mich wie eine Art ‚Droge' geworden. Wenn ich zwei Tage nicht spiele, fehlt mir etwas, da kribbeln mir die Finger", erzählt sie.

Am kommenden Samstag nun spielt Henriette Gärtner in Bad Saulgau. Damit unterstützt sie den Bau der Kapelle am Siebenkreuzerweg, welche die Zieglerschen direkt neben ihrer neuen Fachklinik Höchsten errichten. In dieser Kapelle sollen einmal suchtkranke Frauen, die in der Fachklinik Höchsten zur Reha sind, aber auch Menschen, die hier vorbei kommen, Ruhe und spirituelle Einkehr finden. „Die Betroffenen benötigen eine Ort, an dem sie zur Ruhe und den Weg zu sich selbst finden können. Suchtkranken ist mit einem rein körperlichen Entzug nicht geholfen, der „psychische Entzug" ist ein entscheidender Faktor zum Erfolg, also eine „Umkrempelung" von ganz innen", sagt Henriette Gärtner. Mit Musik, betont sie, will sie Menschen auf der emotionalen Ebene erreichen, in ihnen etwas berühren und bewegen. Ihr Publikum soll mit Mehr nach Hause gehen, als es gekommen ist. So auch am kommenden Samstag. Mit dem Konzert leistet die Künstlerin ihren Beitrag für den Bau der Kapelle.

Süchte, sagt Henriette Gärtner, seien in Künstlerkreisen nicht selten. Eine innere Stabilität zu haben, die Balance zu finden und zu halten zwischen einem gefeiertem Auftritt und dem normalen Alltagsleben ist für den einen oder andern eine Herausforderung, vielleicht eine zu große. Dann kann der Griff zu Medikamenten und anderen Suchtmitteln der scheinbar einzig mögliche Lösungsweg für die Betroffenen sein, die großen Gegensätze zu überwinden und der Herausforderung gerecht zu werden. Einen Weg, den die suchtkranken Frauen in der Fachklinik Höchsten aus unterschiedlichen Motiven heraus auch gesucht haben und der im Teufelskreis einer Suchterkrankung geendet hat. Die Reha in einer Klinik ist für die meisten Frauen der letzte Rettungsanker.

Henriette Gärtner ist ehrgeizig, wie sie gesteht. Ihr furioses Klavierspiel schon als Kind, ihr Abitur am Martin-Heidegger-Gymnasium in Meßkirch, ihre fünf deutschen Meistertitel im Twirling-Sport (eine Art rhythmische Sportgymnastik), ihr Studium für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Konstanz, danach das Klavierstudium an der renommierten Accademia Pianistica Incontri col Maestro im italienischen Imola und zuletzt ihre Dissertation (summa cum laude - ausgezeichnet) bestätigen eindrucksvoll ihre enorme Schaffenskraft. Diese stellt sie nun in ihrem Konzert in der Fachklinik Höchsten in den Dienst des Spendenprojekts „Bau der Kapelle am Siebenkreuzerweg".
Als Künstlerin hat Henriette Gärtner nach jahrelanger Erfahrung ihre eigenen Methoden entwickelt, wie sie die Herausforderungen meistert, zur Ruhe kommt und die Balance hält. Sie nennt es mentales Training. Das sei sehr wichtig, ist sie doch selbst ihre größte Kritikerin.

Am Samstag spielt Henriette Gärtner für ihr Publikum Toccata und Fuge d-moll von Johann Sebastian Bach/Carl Tausig, Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski und Isoldes Liebestod von Richard Wagner/Moritz Moszkowski und. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Harald Dubyk

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