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Neustart in ein Leben ohne Sucht: Ich habe zu einem glücklichen und erfüllten Leben gefunden!

04.05.2017 | Von Name der Redaktion bekannt | Suchthilfe

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40 Jahre abstinent- eine ehemalige Patientin berichtet.

40 Jahre ist es nun her: Ich hatte fast alles verloren. Mein Leidensdruck war unerträglich. Gab es Probleme, trank ich immer öfter und immer mehr. Irgendwann täglich.

Schließlich habe ich mich hilfesuchend an das Gesundheitsamt gewandt, das mich an die Evangelische Diakonie verwies.

Ich erkannte schnell: Hier bekomme ich Hilfe! Auch Freunde, die bereits zehn Jahre oder länger trocken waren, haben mir geholfen. Ich merkte, dass auch andere mit diesem Problem kämpften. Sie waren für mich ein großes Vorbild. In Frage kam für mich damals nur eine sechsmonatige stationäre Therapie im Fachkrankenhaus Höchsten der Zieglerschen (Das befand sich damals noch im Deggenhausertal und ist seit November 2010 in Bad Saulgau. Anm. der Redaktion). Das war eine harte Zeit. Rundum gab es nur ein paar Bauernhöfe, sonst weit und breit nichts. Eine strenge Therapie, zwei Monate kein Geld, Ausgang nur in der Gruppe und dergleichen mehr.

Ich war total am Ende, hatte viel Ängste und Bedenken. Was wird die Zukunft bringen? Nie mehr einen Schluck trinken, ein halbes Jahr unter der Käseglocke….Was würde ich alles versäumen in meinem Leben? Jetzt bist du kein vollwertiger Mensch mehr, dachte ich, so ohne Alkohol. Kein Arbeitsplatz, keine Perspektiven – hinterher würde ich alleine dastehen. Solche Bilder hatte ich im Kopf. Na ja, dachte ich, die machen mich gesund mit irgendwelchen Mitteln oder so! Doch ich merkte schnell, dass es einzig an mir lag, mit der Unterstützung guter Therapeuten mein Leben aufzuarbeiten.

Ob Arbeitstherapie, Gruppentherapie, Einzeltherapie oder die vielen anderen Angebote: Ich habe sie voll ausgeschöpft. In der Stufe 1 musste ich einen Aufsatz schreiben zum Thema „Warum habe ich ein Suchtmittel genommen?“. Bald wusste ich, warum ich immer trinken musste. In meinem überbehüteten Elternhaus wurde ich einerseits sehr verwöhnt, andererseits war mein Vater sehr streng. Ich dachte, in einer Ehe wäre ich „frei“, was aber nicht der Fall war. Ich bin von einer Abhängigkeit in die nächste geraten. Am 6. Juni 1977, ich war 30 Jahre alt, wurde ich therapiegestärkt und dennoch voller Ängste, wieder rückfällig zu werden, entlassen.

In meiner Heimatstadt hatte ich wieder einen Arbeitsplatz gefunden und mich meiner alten Gruppe und dem Freundeskreis angeschlossen. Das Wichtigste, was ich in der Therapie gelernt habe, war Verzicht. Ich konnte nicht immer alles bekommen, was ich wollte. Auch habe ich gelernt, etwas auszuhalten und zu ertragen. Das war anfangs sehr schwer. Je länger ich trocken war, umso einfacher wurde es für mich.

Mittlerweile habe ich wieder eine Familie, die mich dabei sehr unterstützt. Was mir ebenfalls sehr geholfen hat, war die Erfahrung, dass man mir vertraut. Ich durfte und darf einfach so sein wie ich bin! Seit 32 Jahren bin ich Mitglied im Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe. Nach diversen Lehrgängen und Seminaren wurde ich aktiv in der Gruppe tätig, was ich noch heute sehr gerne mache.

Ich habe mir stets Ziele gesetzt. Auch habe ich nie den Kontakt zu Therapeuten und guten Freunden abgebrochen, die mir Halt und Hilfe gaben. Einen Notfallkoffer und Telefonnummern trage ich immer bei mir. Mein Ziel war auch immer, Hilfesuchenden und suchtkranken Menschen mit meiner Erfahrung weiterzuhelfen. Wenn ich heute alles Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass ich sehr viel gewonnen habe. Ich habe zu einem glücklichen, erfüllten und zufriedenen Leben gefunden- dank meiner Familie, meiner Therapeuten und der Freundeskreise. Eigentlich könnte ich ein dickes Buch über mein Leben schreiben. Dieser Bericht ist ein kleiner Teil davon. Damit möchte ich allen suchtkranken Menschen Mut machen und wünsche jedem die Kraft für eine zufriedene Abstinenz.

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visAvie 01-2017
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